Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Gemeinde in der Großstadt
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 584 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Leo Baeck städtische, das Kleinbürgerliche gibt die Atmosphäre, und die Sehnsucht, für die hienieden kein Platz neben der Gasse mehr ist, zieht darum um so verlangender nach den kosmischen Weiten, zu den himmlischen Sphären und ihrem Jenseits hin. Es war eine eigentümliche Frömmigkeit, die sich hier gestaltete. Vermöge der Traditionskraft, durch die sich im Religiösen das Alte immer fortsetzt, war mancherlei aus dem alten Erdverbundenen geblieben, und mit ihm verwob sich das Verstandesmäßige, das Begriffliehe, das zu ihm oder an seine Stelle gekommen war und das in einem wachsenden Drang nach Erkennen und Forschen immer neue Ringe ansetzte — eine eigene Mischung von Konkretem und Abstraktem, von Bildhaftem und Geistigem. In das, was die Gasse, die jüdische „Sperlingsgasse" mit ihrer Traulichkeit und Heimlichkeit, mit ihrer Gemeindestimmung, mit ihrer Liebe zur Fülle des Kleinen und Einzelnen als ihr Tägliches gab, trat stetig die Welt der Ewigkeit hinein mit ihrer Harmonie und Disharmonie der Sphären, mit ihrer concordia discors, mit ihren geheimnisreichen Bahnen, die vom Letzten und Einen zu dieser Gasse herniederreichten und unmittelbar von hier dorthin den Menschen zu leiten vermochten; es war ein eigenes Gefüge von Kleinstadt und Kosmos, von Erdenwinkeln und überirdischen Welten. Praktisches und Mystisches, Gemeinde und Himmelsbahn verwoben sich mit einander, selbst im Ethischen; Nähe und Ferne fanden sich immer wieder im Symbole. Naivität und Grübelei, anfassendes Leben und sinnende Gelehrsamkeit, Haus und Buch waren wie zu einem geworden; die „Worte Gottes" waren für diese Religiosität Zeichen vom Jenseits, und sie waren doch „geschrieben an die Pfosten des Hauses und an die Tore"» Das neunzehnte Jahrhundert hat dieser Religiosität, die für das ganze Mittelalter bis dahin charakteristisch gewesen war, mehr und mehr ihren Boden und auch ihre Voraussetzungen genommen. Die alte, für sich bestehende, Gemeinde, in der diese Frömmigkeit ihre Eigenart gewonnen hatte, löste sich räumlich auf. Sie verlor ihre bisherigen Grenzen; ihre Menschen begannen unter den anderen und mit den anderen zu wohnen und zu leben. Ebenso, und zum Teil infolge dessen, verwischte sich mehr und mehr der geistige Charakter der Gemeinde; ihre Menschen traten in neue Bildungs- und Arbeitskreise, in neue geschichtliche Bereiche, in die der großen Gesamtheit ein, und sie wurden durch diese auch innerlich gefangen und festgehalten. Die alte Einheitskultur, und damit auch das alte Forschen und Sehnen, verschwand in dem Neuen oder schwächte sich wenigstens darin ab, ein Vorgang, den in ähnlicher Weise Protestantismus und Katholizismus schon mehrere Generationen zuvor erfahren 584