Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Gemeinde in der Großstadt
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 583 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Gemeinde in der Großstadt1) Von Leo Baeck Im Judentum des letzten Jahrhunderts, vornehmlich auch dem deutschen, vollzieht sich allmählich eine bedeutungsvolle Wandlung, wohl die wichtigste seit langem. Der alte Daseinskreis, in dem die Religiosität viele Generationen hindurch nicht nur ihre Stätte, sondern ihre Sitte und ihren Stil gehabt hatte, in dem eine Einheitskultur ihren geschlossenen Bezirk besaß, begann mehr und mehr sich aufzulösen. In ihrer Wirkung ist diese Entwickelung nur etwa der zu vergleichen, die einst in den Tagen eingesetzt hatte, in denen das Judentum in das große Zivilisations- und Kulturgebiet des Hellenismus, dieses eigentliche Weltgebiet des Altertums, eingetreten war. Damals hatte der Übergang von der bäuerlichen, dörflichen Frömmigkeit zur städtischen angefangen, der für die folgende Zeit dann bezeichnend, wurde. Bis dahin hatte die Religiosität ihre Erdbestimmtheit und damit eine wesentliche Diesseitigkeit und. Konkretheit gehabt; schon die Sprache bezeugte es, wie der Acker, dem sich das Sorgen und Wünschen zuwandte, damals die Erde und fast die Welt bedeutete. Alle Ethik auch war dadurch beeinflußt, wesentliche ihrer Züge kommen von der bäuerlichen Bodengemeinschaft und Besitzverantwortung her, sind die der bäuerlichen Nachbarschaftsmoral. So manches, worin man oft etwas Partikularistisches erblicken wollte, ist in Wirklichkeit ein Agrarisches. Von alledem hat eine soziale Umschichtung fortgeführt,- die damals den Juden nach und nach in die Stadt hineinleitete. Der Acker hörte auf etwas Unmittelbares zu sein, ihm konnte sich nur noch die bloße naive oder nachdenkliche Betrachtung oder auch die Sentimentalität mit ihrer Wehmut zuwenden. Die Frömmigkeit verliert damit viel von ihrer Erdhaftigkeit und Diesseitigkeit; viel Gedankenhaftes, viel Abstraktes und Transzendentales und andererseits auch Kosmopolitisches gelangt nun in sie hinein, und auch die Ethik stellt nun mannigfach an den Platz des Nächsten das Ferne und Fernste. Im Mittelalter ist diese Loslösung vom Acker zumeist endgültig geworden. Den Daseinsbezirk, den Boden bildete jetzt die enge Judengasse. Das Klein- 1) Zu Nr. 5, Jahrgang V: „Religiöse Zeitfragen". 583