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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 581

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig und seine Krankheit
Date
1930-02-01
Page
581 (sequence 20)
Language
German
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Franz Rosenzweig und seine Krankheit viele Ecken und Winkel der Welt hineinleuchten. Von diesen Möglichkeiten sei eine angedeutet Ich sah nicht selten, daß vor dem Ausbrechen der „Enzephalitis lethargica" die Kranken einen verklärten Gesichtsausdruck annahmen, der verschwand, wenn die Lethargie ausgebrochen und der für eine Weile wiederkam, wenn die Lethargie ihr Ende fand. So glichen grobschlächtige Menschen oft für eine Weile den zartesten Geschöpfen mit alier Anmut und allem Charme und wurden schließlich wieder das, was sie ursprünglich gewesen waren. Ich sah auch, daß nach der Lethargie eine Zeit kam, die man vergeistigt nennen muß, in der der Genesende zu Leistungen fähig war, an die er sich vorher nie hätte heranwagen dürfen. Es ist dann später bekannt geworden, daß andere Menschen nach der epidemischen Enzephalitis Verbrechen begingen, die sie vorher ihrer ganzen Veranlagung nach nie begangen hätten, und diese Tatsache wurde schließlich so unverkennbar, daß man sie in der Rechtssprechung berücksichtigen mußte. Es kann als ausgemacht gelten, daß diese Krankheit die Seele des Menschen im Guten und Bösen zu Taten befähigt, zu denen sie sonst nicht befähigt gewesen wäre. Was geschieht, wenn diese Veränderung einen Menschen betrifft, der genial ist und den der Geist treibt, im Leben eine Aufgabe zu erfüllen, ist unabsehbar. Franz Rosenzweig hatte sein Buch schon 1917 entworfen, aber eine Zeit besonderer Arbeitswut befiel ihn, als er gegen Ende des Krieges unmittelbar nach seiner Kopfgrippe an die Front zurückgekehrt war. Damals soll in der Stellung ein großer Teil jener beschriebenen Feldpostkarten und Feldpostbriefe entstanden sein, aus denen das erste Manuskript bestand. Diese Zettel waren ihm so kostbar, daß er sie sofort nach Hause schickte, um sie allen Gefährdungen der Front zu entziehen. Es ist sehr möglich, daß auch Franz Rosenzweig damals einen solchen Zustand erlebt hat, der ihn als Ausdruck der Erkrankung über sich selbst hinaushob. Mit dieser Annahme steht in Überemstimmung, daß er mir einmal sagte, „der Stern" sei mehr als er selber. Da dieser gehobene Zustand seiner Natur nach wieder abklingen mußte, stellt sich uns seine energische Weigerung, je wieder etwas an seinem Lebenswerk zu arbeiten, als ein biologisches Geschehen dar, als ein Geschehen, das so Schicksal war, wie nur etwas Schicksal sein konnte, und Buch und Krankheit, Lebensleistung und Leben, wären so im Höhepunkt aufs innigste miteinander verknüpft und so seine Natur, wie sein Atmen und sein Herzschlag. Die Folgerungen aus dieser Annahme will ich nicht ziehen, sondern ich will es dabei bewenden lassen, daß wir ahnen können, wie das, 58t

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