Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 580 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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Richard Koch Möglichkeit zu einem erstaunlich langen Leben geboten hat So hat er nicht im üblichen Wortsinn mit der Kraft des Geistes den Körper bezwungen* sondern mit natürlichen und begreiflichen Mitteln die Folgerungen aus der Tatsache gezogen, daß er leben wollte, und das, was sein Leben uns gezeigt hat, ist nicht groß, weil der Geist über den Leib triumphierte, sondern weil dieser zerstörte Leib von ihm am Leben gehalten wurde, indem er um den höchsten Einsatz spielte, um den, dem einzigen und wahren Gott mit allen Kräften gedient zu haben. Wie er das im Einzelnen getan hat, kann hier nicht mehr erzählt werden, weil der Platz zu Ende ist Aber es wäre gut, auch davon hier oder an einer anderen Stelle zu erzählen. Jedenfalls wäre das Erinnerungsbild, das uns Franz Rosenzweig von seinem Leben mit der Krankheit hinterlassen hat, unvollständig, wenn man bei der Wiedergabe nicht auch seiner Frau gedächte. Mehr und mehr hat er im Laufe der Krankheit einen Ersatz für die verlorene Sprache, für die dahin schwindende Ausdrucksfähigkeit in der Hilfe seiner Frau gefunden. Wenn man mit ihm nicht nur sprechen, sondern schon nach wenigen Minuten in ein Gespräch vertieft sein konnte, wenn er noch ein Meister des Ausdrucks und ein wissenschaftlicher Arbeiter war als längst alle technischmechanischen Hilfsmittel versagt hatten, so kam das daher, daß seine Frau mit unbegreiflicher Kunst verstand, dem, was er dachte und wollte, Ausdruck zu verleihen. Die Gespräche mit ihm waren also eine Unterhaltung zu dritt, aber seine Frau verstand es, sich gleichsam unsichtbar zu machen, seinen Geist zu bedienen, ohne ihm im Wege zu stehen. Und was für den Ausdruck gilt, das gilt für sein ganzes Lebendigsein. Er hat mit ihr und durch sie gelebt, und sie ist auch wieder nicht verständnislose Helferin gewesen, sondern sie hat an seinem ganzen reichen Leben in der Krankheit teilgenommen. Von allen Wundern der Welt ist das Leben des Menschen das größte. Die Weisheit unserer Zeit krankt daran, daß sie dieses Wunder mit den einfachsten Erscheinungen der Welt erklären will, statt umgekehrt vom Leben des Menschen auszugehen, um in seinem Lichte die Natur aufleuchten zu sehen. Unser Wissen vom toten Baustein des Stoffes würde größer sein, wenn wir es vom Menschenleben aus betrachteten und nicht umgekehrt unser Wissen vom Menschenleben vom Baustein aus. Und was vom Menschenleben gilt, das) gilt noch mehr vom Leben des großen Menschen, und es gilt am meisten, wenn das Leben eines solchen Menschen großes Schicksal und große Geschichte hat So könnte man mit Erzählungen vom Leben Franz Rosenzweigs in gar 580