Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 579 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Franz Rosenzweig und seine Krankheit hat, daß er Mitleid nicht wolle, weil der, der solches ausspräche, ja gar nicht wüßte, wer mehr zu bemitleiden seL Und hieraus ergab sich all das Friedliche und Feiertagliche, das, trotz aller Qualen der Krankheit, zur Überraschung der Besucher dieses Haus, dieses unvergeßliche Arbeitezimmer ausströmen konnte. Die Jahre seiner Krankheit waren für uns in Deutschland Jahre tiefster Depression. Aber alle, die dieses Heim betraten, mußten erwarten, unausdenkbar Schreckliches sehen zu müssen, vor dem alles Elend da draußen verblassen würde. Und sie fanden hier und nur hier das, was es in der Welt der Gesunden nicht mehr gab, die Freude am Leben. In Elend und Mühsal errungen, aber echte Freude. Zu diesem Elend und Mühsal gehörte in erster Linie, daß Franz Rosenzweig planmäßig und ausgeklügelt alles tat, was geeignet war, sein Leben zu schützen und zu verlängern. Er hat dies unermüdlich mit der ganzen Schärfe seines Verstandes, mit der ganzen Zähigkeit seines Willens getan. Seine Ärzte haben mehr von ihm gelernt, als er von ihnen lernte. Trotzdem verachtete er keinen ärztlichen Rat, sondern versuchte jeden nutzbar zu machen. Von allen Mitteln, die ihm dazu nützlich waren, war sicher keines stärker im Erfolg, als die Ausfüllung des Lebens,, als die Teilnahme an ihm. Das ist einer der vielen Gesichtspunkte, unter denen man seine Übersetzertätigkeit, seine Arbeitsgemeinschaft mit Martin Buber betrachten kann. Und hierher gehört auch, daß die Übersetzertätigkeit im Mittelpunkte seiner Arbeit stand und nicht, wie auch ich erwartet hatte, Philosophie und Apologetik, denn diese waren durch sein Lebenwollem ausgeschaltet und überflüssig geworden. Durch all das, was er so tat, von den einfachsten Behelfen der Krankenpflege angefangen bis zur erleuchteten Wortwahl und bis zum Feinschliff des Ausdruckes in seiner Stummheit, erreichte er, daß er nicht im Bette verfiel und dem Tode alle Angriffsflächen bot, sondern daß er mit allen möglichen Mitteln gestützt, aufrechtin seinem Stuhle saß und dasLeben eines Gelehrten und eines geselligen Menschen geführt hat Das hat es dem Tode schwer gemacht, den fast Wehrlosen zur Strecke zu bringen. Als er einer fieberhaften Herzschwäche und Atemstörung endlich erlag, hatte er in der Tat seine letzte Karte ausgespielt, nachdem er mit aller in solchen Fragen möglichen Sicherheit seinem Leben Jahre hinzugefügt hatte, auch wenn sein Muskelschwund von vornherein die 579