Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 578 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Koch sagten. Als er immer unfreier und unfreier wurde, als er immer mehr darunter litt, daß die Selbstverständlichkeiten des Daseins davon abhängig wurden, daß ein paar Hände die Handgriffe konnten, die er brauchte, da war für ihn die Zeit gekommen, in der fast jeden Menschen nur noch die Angst vor dem Tode den Willen zum Leben erhalten konnte. Und in dieser Zeit trat etwas in sein Leben, das ihm den Willen zum Leben erhielt und das doch nicht Angst vor dem Tode war. Der Schlußsatz seines Buches, das mit den Worten „ins Leben" endet, spricht es als seiner Weisheit letzten Schluß aus. Er schrieb diese Worte, als er noch nicht ahnen konnte, in wie fürchterlicher Form sie als Forderung an den Menschen herantreten können. Das war der Augenblick, in dem sich ihm die vom Leben losgelöste Erkenntnis in das eigene von ihm geforderte Leben zu verwandeln begann. Er hatte in wundervoller Intuition vorausgeahnt, daß die Furcht vor dem Tode, die uns, solange nicht wirkliche feindliche Mächte in das Leben eingegriffen haben, als etwas Selbstverständliches, als etwas Reflektorisches erscheint, daß diese Furcht in ganz gewandelter Gestalt als eine Forderung an uns herantreten kann, als eine Forderung, die ganz der gleicht, die Gottesfurcht gebietet Er sah sich in die Lage verstrickt, daß jetzt seine tiefste Erkenntnis wahr würde, wenn er leben wollte, so wie man etwas wollen soll, und daß die Leistung seines Lebens dahinschwinden würde und keine Leistung mehr wäre, wenn dieser Wille ausbleiben sollte. Vor dem Alltag, vor tausend kleinlichen Quälereien war das, was er ausgesprochen hatte, in seine Hand zurückgegeben, und es war in sein Ermessen gestellt, ob er ein großes oder ein kleines Leben einst verlassen würde. Aber er hat auch wieder nicht, wie man nun annehmen könnte, gelebt, um eine schwere Pflicht zu erfüllen. Als ein lebendiges Zeugnis dafür, daß dem nicht so war, sah er seinen Sohn Raf ael, dessen Geburt zu erleben er nicht gehofft hatte, neben sich zum bewußten Wesen heranwachsen. Da war wieder selbstverständlich und gegeben, daß er dieses Kind so weit ins Leben hineinbegleitete, als irgend möglich. Es war keine kantische Pflichtenlehre, die ihn dazu zwang, sondern etwas was Wunsch und Pflicht, Furcht und Hoffnung, unauflöslich miteinander verflochten, zugleich war. Es war Gottesdienst in der neuen und frischen Form, die er dem Worte gegeben hatte. Er lebte von nun ab, um überhaupt gelebt zu haben, und <es ist nicht meine Aufgabe, dies, das heißt das, was Rosenzweig uns gelehrt hat, hier auseinanderzusetzen. Nachdem er nun beschlossen hatte zu leben, konnte er das Wort aussprechen, das so viele Menschen in Erstaunen versetzt 578