Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 577 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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Franz Rosenzweig und seine Krankheit zuhalten. Wir würden in der Erinnerung seiner klaren und reinen Seele Unrecht tun, wenn wir ihm eine Leistungzuschrieben, die die Masse der Menschen zu glauben gerne bereit ist, die aber die nüchtern abwägende Kritik nicht bestätigen kann. Wenn ich mir nun den Ablauf dieser Krankheit ins Gedächtnis zurückrufe und jedes Stadium ärztlich zu beurteilen versuche, so muß ich trotz aller dargelegten Vorbehalte bekennen, daß dieser Kranke wahrscheinlich früher seinem Leiden erlegen wäre, wenn er nicht mit der ganzen Kraft seines starken Willens dem Tode jedes Jahr und jeden Monat, schließlich jede Woche und jede Stunde abgerungen hätte. Er war nicht das, was man sich unter einem großen Dulder vorstellt Er hat sich nicht ergeben und ohne zu klagen in sein Schicksal gefügt, er hat sich ganz im Gegenteil in mancher Stunde gegen sein Schicksal aufgebäumt und oft alle Kraft, über die er noch verfügte, dazu verwendet, über seine Beschwerden zu klagen. Er ist ein natürlicher Kranker gewesen, wie er ein natürlicher Gesunder gewesen war. Als er noch sprechen konnte und ich ihm auf einen Brief, in dem er mich gebeten hatte, nicht mehr mit ihm über die Möglichkeit zu sprechen, daß sein Leben trotz allem noch lange dauern könne, mündlich geantwortet, er könne sich täuschen, und er möge sich darauf einrichten, da antwortete er mir mit einem unvergeßlich schmerzlichen Gesichtsausdruck, ob ich ihm solches denn noch wünschen dürfe. Er hatte sich, nachdem er seine Krankheit erkannt hatte, ein schnelles und fast festliches Sterben vorgestellt Er, der so viel Sinn für wahre Festlichkeit hatte, der aus der Beschneidung seines Sohnes vielleicht das schönste Familienfest gemacht hatte, dessen ich mich erinnere, der vor allem fest davon überzeugt war, daß er mit dem „Stern der Erlösung" sein Lebenswerk geleistet, dem nichts mehr bevorstand, was dieser Leistung gleichkommen konnte, er sah sich in der Erhabenheit dieses Sterbens getäuscht, als nach der Geburt seines Sohnes der Tod weiter ausblieb, und der Alltag und die zunehmende Gebrechlichkeit seines Leibes ihn in ein langes und immer alltäglicheres Sterben hineinzuzwingen drohte. Er sah von seinen Kräften eine nach der anderen schwinden, er sah Schönheit und Freiheit von sich abfallen. Seine Gebrechlichkeit machte diesen künstlerisch feinfühligen, der Reinheit und Freiheit bedürftigen Menschen immer mehr abhängig von fremder Hilfe, von oft gleichgültigen Pflegepersonen oder auch von Personen, die gewillt waren, ihm mit allen Kräften zu dienen, die aber an der Schwierigkeit der Aufgabe ver- 577