Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 576 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Koch mark und besonders solche des Streifenkörpers hervorruft, und daß auch die Schlafkrankheit eine Folge der Grippe ist So einfach verhält es sich nun nicht, denn die neue Grippeepidemie begann im Sommer 1918 auf der ganzen Erde, während die Schlafkrankheit Ende 1917 von v. Economo in Wien entdeckt wurde. Sie war eine neue Krankheit, die epidemisch auftrat. Ähnliche Epidemien sind in neuerer Zeit nicht beobachtet worden. Man kann also die Schlafkrankheit und die Grippe nicht ohne weiteres indentifizieren. Ein Teil der Forscher ist der Ansicht, daß sie mit den organischen Nervenkrankheiten bei Grippe überhaupt nichts zu tun hat, ein anderer Teil nimmt mehr oder wenig enge Beziehungen an. Nach der Beschreibung, die Franz Rosenzweig von seiner „Grippe" gegeben hat, kann man, wie hier nicht weiter auseinandergesetzt werden kann, ebensogut annehmen, daß er an „Enzephalitis lethargica" litt, wie an „Gehirn grip p e". Jedenfalls litt er an einer Infektionskrankheit, die Gehirn und Rückenmark angreift, und es wäre sehr wohl möglich, und ich nahm das 1922 an, daß sich bei ihm als seltener Fall im Anschluß an eine 1918 durchgemachte Infektionskrankheit von Gehirn und Rückenmark, eine „amyotrophische Lateralsklerose mit progressiver Bulbärparalyse" entwickelt hatte. Es ist klar, daß bei einer Erkrankung, die schon von selbst (endogen) selten vorkommt und die sicher als Folge der „Schlaf grippe" nicht so häufig aufgetreten ist, daß der Zusammenhang sich aufdrängte, nur sehr schwer der Beweis geführt werden kann, daß „Grippe" oder „Schlafkrankheit" tatsächlich diese Form des Muskelschwundes herbeiführen. Aber da es sicher ist, daß dieser Muskelschwund auch als Folge von Infektionskrankheiten (exogen) auftreten kann, wäre es sehr merkwürdig, wenn dieser Zusammenhang nicht auch tatsächlich vorkäme. Wir müssen also heute wie 1922 diese Möglichkeit zugeben, und da die Krankheit von Franz Rosenzweig denn auch wirklich viel längsamer verlaufen ist, als bei der endogenen Form zu erwarten gewesen wäre, ist der Zusammenhang sogar wahrscheinlich. Er wird noch wahrscheinlicher, wenn man sich erinnert, daß der Muskelschwund überraschend früh aufgetreten ist So könnte man denn all denen, die sich über das Leben, das Rosenzweig während der Jahre seiner Krankheit führte, so sehr verwundern, entgegenhalten, daß daran wahrscheinlich nichts besonders Verwunderliches gewesen ist, sondern daß seine Krankheit ablief, wie sie unter diesen Umständen abzulaufen pflegt, daß er wohl seine Zeit genutzt hat, daß aber auch er nicht imstande gewesen ist, mit der Kraft des Geistes den Verfall des Körpers auf- 576