Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 575 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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Franz Rosenzweig und seine Krankheit Schlaf und auch keine Benommenheit oder Bewußtlosigkeit Sie ist ein Zustand, in dem der Mensch unbeweglich mit geschlossenen Augen daliegt, keine Miene verzieht und fast aussieht wie ein Toter. Sich selbst überlassen, würde er so liegen bleiben und nicht einmal nach Nahrung verlangen. Spricht man ihn aber an, so schlägt er die Augen auf und gibt eine vollkommen klare Antwort wie ein Gesunder. Man kann sich so lange Zeit mit ihm unterhalten, er wird dabei nur müde und läßt immer wieder die Augenlider fallen. Hört man auf, mit ihm zu sprechen, so schließt er die Augen sofort und verfällt wieder in seinen alten Zustand. Ein großer Teil dieser Kranken, manchmal mehr als die Hälfte, stirbt in dieser Verfassung an Entkräftung. Von den anderen werden nach langer Zeit fast alle wieder ganz oder fast gesund. Einige aber bekommen im Anschluß an die Lethargie irgendeine Erkrankung von Gehirn oder Rückenmark, für Monate, für länger als ein Jahr oder für dauernd. Verhältnismäßig häufig schließt sich die „Schüttellähmung" oder die „Parkinsonsche Krankheit" an. Die anatomischen Veränderungen, die man im Gehirn findet, sind oft sehr geringfügig oder überhaupt nicht vorhanden. Es sind ganz leichte Blutüberfüllungen, Zellenentartungen und Lymphzellenanhäufungen, die man findet. Diese Veränderungen sitzen auffällig oft im sogenannten „Streifenkörper", mächtigen Anhäufungen von Ganglienzellen tief im Innern des Gehirns. Sie stellen einen Bewegungsapparat dar, der andere Aufgaben hat, als die Bewegungszentren der Großhirnrinde. Wenn er erkrankt,. kommt es nicht zu Lähmungen oder einfachen Krämpfen wie bei Erkrankungen der Großhirnrinde, sondern zu Zittern, zu Veitstanz, zu steifen oder ungeordneten Bewegungen verschiedenster Art Der Streifenkörper birgt wohl noch viele Geheimnisse. Auch bei der „Enzephalitis lethargica" ist er verändert Man findet bei der Grippe keine Bakterien, die man für die Ursache halten könnte, sondern ein Gift, das wahrscheinlich aus Lebewesen besteht, die kleiner sind, als daß man sie durch die schärfsten Mikroskope sehen könnte. Es behält seine Eigenschaften auch dann noch, wenn man Preßsäfte der erkrankten Gehirnteile durch Tonzylinder filtriert, deren Poren auch die kleinsten mikroskopisch sichtbaren Kleinlebewesen nicht passieren können. Die Säfte, die die Tonfilter passiert haben, können Affen noch krank machen. Die Säfte verlieren aber rasch ihre Giftigkeit, wenn man sie erhitzt Es könnte also leicht so sein, daß die Grippe durch ein wärmeempfindliches, durch Tonkerzen filtrierbares Gift hervorgerufen wird, daß sie leicht organische Erkrankungen von Gehirn und Rücken- 575