Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 574 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Koch Muskelschwund war noch nicht bemerkbar. Bemerkenswert ist noch, daß die Leber etwas groß war. Nach diesem Befunde war es nicht mehr zweifelhaft, daß die eben beschriebene Krankheit vorlag. Zur Sicherheit wurde auch noch Syphilis des Gehirns und Rückenmarks ausgeschlossen, auf die ohnehin nichts hinwies. Es war auch sicher, daß das verlängerte Mark bereits ergriffen war, somit schien das Schicksal des Kranken besiegelt Es bestand zunächst auch keine Aussicht darauf, daß der Fall zu den sich lang hinziehenden gehören würde. Der Kranke nahm das Ergebnis gelassen auf und schien eher noch mehr von der erwähnten seltsamen Heiterkeit ergriffen. Er schien sich nur für die schreckliche Diagnose zu interessieren, und es schien ihm ganz gleichgültig zu sein, daß ich ihm eine etwas trostreichere Möglichkeit eröffnen konnte, mit der es mir ganz ernst war. Ich hielt es nämlich für möglich, daß eine jener sekundären Formen dieses Muskelschwundes vorläge, die sich im Anschluß an Infektionskrankheiten entwickeln können. Dafür sprachen mir zwei Besonderheiten des Falles. Die eine lag in der Krankheit selbst. Sie war früher aufgetreten, als sie gemeinhin aufzutreten pflegt, und zwar ein gutes Jahrzehnt früher. Die andere lag in der Vorgeschichte. Der Kranke hatte tatsächlich 4l/2 Jahre vorher eine Infektionskrankheit durchgemacht, die das Gehirn und Rückenmark befällt Die leichte Grippe mit der schweren Lungenentzündung, die er im Sommer 1918 durchgemacht hatte, war nach der Beschreibung entweder eine Hirn- oder Schlafgrippe gewesen oder aber eine epidemische Gehirnentzündung, eine „Enzephalitis lethargica". Bekanntlich hatte in den Sommermonaten des Jahres 1918 die Grippe oder Influenza wieder ihre Seuchenzüge um die ganze Erde begonnen, wie das etwa alle Menschenalter geschieht, und wie es zuletzt um das Jahr 1890 geschehen war. Sie hatte zuerst, trotz der Trennung durch die Kriegsfronten, auf der ganzen Erde einen gemeinsamen Charakter. Sie war pestartig mit Lungenblutungen aufgetreten und zeigte auch bald die Neigung, Gehirn und Rückenmark zu befallen und zwar hauptsächlich in der Form der Schlafgrippe oder Schlafkrankheit Unter diesem Zustand meint man nicht die durch Insekten übertragene Protozonerkrankung der Rinder und Menschen in Afrika, sondern eben eine Begleiterscheinung der Grippe, die die Form von fast allen Hirn- und Rückenmarkserkrankungen annehmen kann. Am häufigsten war aber die lethargische Form, deren charakteristisches Symptom, die Lethargie, darin besteht, daß die Kranken in einer Art von Schlaf daliegen. Aber die Lethargie ist kein echter 574