Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 573 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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Franz Rosenzweig und seine Krankheit gewesen sei Im Juni 1918 habe er dann in Warschau1) eine leichte Grippe bekommen, die rasch vorübergegangen sei. Aber ein bellender Husten sei geblieben, und man habe dann nach einer Reihe von Tagen eine Lungenentzündung festgestellt, die 1—2 Tage besorgniserregend gewesen sei. Er selbst aber wisse von all dem nichts Genaues, denn einige Tage nach der Grippe sei er in einen Schlafzustand geraten, in dem er auch gewesen sei, als die Lungenentzündung schlimm war. Er habe sich in seinem Halbschlaf unterhalten können. Am vierzehnten Rrankheitstage habe er nicht tief atmen können, und dann sei er ganz gesund gewesen. Später sagte er mir einmal, er habe sich nach seiner Grippe aus einem schweren Krankheitszustande gesund geschlafen. Anderthalb Monate später habe er Malaria bekommen, er hätte wahrscheinlich nur einen, höchstens zwei Anfälle gehabt. Im Sommer 1919 habe er einen Rückfall mit 3—4 Anfällen gehabt Als ich ihn dann untersucht hatte und meinen Befund niederschrieb, schrieb ich in die erste Reihe ein Wort, das nach dem Zusammenhang „Artikulationsstörung" heißen muß, das aber in der sonst klar und deutlich geschriebenen Krankengeschichte unentzifferbar ist. Die Silben sind in einer Weise verschrieben, wie ich es sonst nie tue. Es ist mir das ein Zeichen dafür, daß ich mich in einem ganz ungewöhnlichen Aufregungs- und Verwirrungszustande befand. Unmittelbar danach ist die Schrift wieder vollständig geordnet, ich muß mich also sehr zusammengenommen haben. Aus dem Befund geht hervor, daß schon damals die ganzen Bewegungsnerven von der Großhirnrinde bis zu den Muskeln hin gestört waren, und zwar links mehr als rechts, daß eine leichte Lähmung beider Beine bestand, und zwar ebenfalls mehr links als rechts, daß aber die Armmuskeln normale Kraft hatten. (Die Werte, die ich für den Händedruck mit dem Kraftmesser gemessen habe, sind für einen Mann seiner Konstitution gerade eben etwas niedrig, links 3o, rechts 32.) Es war keine Störung der Hirnnerven und ihrer zugehörigen Organe nachweisbar, insbesondere keine Störung der Wortbildung. Die Pupillenreaktion war ebenfalls normal. Das Gefühl war ungestört bis auf eine Herabsetzung des Gefühls für Hautberührung im Gebiet der Wadenbeinnerven, die ich aber später nicht mehr sicher nachweisen konnte. x) Angehörige von Franz Rosenzweig verbessern diese Angabe dahin, daß die Grippe während eines Urlaubs in Kassel ausgebrochen sei, dann sei er bis Leipzig gereist und dort sei im Lazarett Lungenentzündung festgestellt worden. Die ganze Krankheit sei dann in diesem Lazarett in Leipzig verlaufen. 573