Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 572 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Richard Koch mir in mein Untersutfhungszimmer hereinzukommen. Er folgte sofort. Es war klar, daß er irgendetwas Entscheidendes bei sich beschlossen hatte und nun dem Schicksal seinen Lauf lassen wollte. In meinem Zimmer angekommen, sagte er mir in der zugleich harmlosen und bestrickend liebenswürdigen Art, über die er bei wichtigen Besprechungen verfügte, es seien ihm in der letzten Zeit seltsame Dinge an sich aufgefallen, er habe auf den Rat eines gemeinsamen Freundes auch bereits einen bedeutenden Facharzt aufgesucht, und dieser habe eine Krankheit bei ihm festgestellt, die, soviel er sich aus seiner Medizinerzeit erinnern könnte, keine Kleinigkeit sei. Aber ich möge ihn. doch auch untersuchen, vielleicht sei es nicht so schlimm. Er war gar nicht verängstigt, ganz anders, wie ich es von anderen Menschen in gleicher Lage gewohnt war. Er schien auch nicht neugierig zu sein, sondern eher heiter. Die Art dieser Heiterkeit habe ich dann bald verstehen gelernt Er erzählte, daß ihm frühestens im September des vorhergehenden Jahres bei einer freudigen Aufregung die Knie versagt hätten. Im November oder Dezember habe er dann ohne besondere Ursache viermal getaumelt Und beim Verlassen der Straßenbahn habe er in derselben Zeit zweimal plötzlich auf der Straße gesessen. Am 28. Dezember habe er bemerkt, daß er die Treppe nur noch langsam heruntersteigen könne, und das sei seither so geblieben. In der letzten Zeit könne er auch manchmal die Zischlaute nur schlecht aussprechen. Jede Aufregung wirke stark auf seine Beine. Er könne auch nicht mehr so schnell schlucken wie früher und müsse manchmal nach dem Essen etwas heraushusten. Ich fragte ihn dann näher nach der Störung in den Beinen, er sagte, er müsse sie beim Gehen mehr heben als früher und fürchte auch, daß er manchmal fallen müsse. Der Wortlaut der Antwort war, daß er fürchte, „beim achten oder neunten Schritte hinzupurzeln". Ich gebe den Wortlaut genau an, weil er zeigt, wie genau dieser Kranke sich damals schon beobachtet hatte und weil das Wort, das dieser Worte so genau abwägende Mensch für hingefallen wählte, einen Humor verrät, der bei den Hintergründen, die wir für seine Gemütsverfassung annehmen müssen, Humor von sehr großem Ausmaß gewesen ist Frei von aller Bitterkeit, frei von allem, was wir Galgenhumor nennen, gestaltete er eine fürchterliche Situation mit Anmut und Rücksicht zu einer Situation um, die frei von allem Pathos war. Auf Befragen sagte er mir, daß in seiner Familie organische Erkrankungen des Nervensystems nicht vorgekommen seien, und daß er selbst bis zum Sommer 1918 nie ernstlich krank 572