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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 571

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig und seine Krankheit
Date
1930-02-01
Page
571 (sequence 10)
Language
German
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Franz Rosenzweig und seine Krankheit troffen ist, so hätte es viel mehr Möglichkeiten des Krankseins. Es könnte einer besonders bösartigen Infektion in etwa 2 4 Stunden erliegen, es könnte aber auch nach irgendeinem Grad der Schädigung in diesem Zustande beharren, ohne das Leben in Gefahr zu bringen, ja ohne die Persönlichkeit wesentlich zu verändern oder in den Lebenslauf einzugreifen. Schließlich könnte die Erkrankung in jedem Stadium zum Stillstand kommen. Es liegt auch viel weniger in der Natur des Schadens, daß das ganze Organsystem befallen wird, wie bei der endogenen Form, sondern die Ausfälle können je nach der Stärke des Infektionsgiftes oder je nach der Stelle und Ausdehnung der Beschädigung höchst verschiedenartig sein. Aber man darf nicht vergessen, daß hier keine naturnotwendigen Verschiedenheiten vorliegen. Es gibt endogene Erkrankungen, bei denen nur die eine Körperhälfte betroffen ist, und umgekehrt spricht nichts dagegen, daß im Einzelfall Infektionen den Bewegungsapparat restlos vernichten. DerMuskel Schwund, ganz allgemein genommen, gehört zu den Erkrankungen, die besonders viel Formen annehmen können. Man hat so viele verschiedene Krankheitsbilder des Muskelschwundes aufgestellt, daß diese Krankheit zu denjenigen gehört, die die Tendenz der Ärzte, möglichst viele verschiedene Krankheitsbilder aufzustellen, dahin geändert hat, alles vorkommende Krankhafte auf verhältnismäßig wenige Krankheitsbilder zurückzuführen. Die Zeit ist noch nicht lange vorbei, in der jeder forschende Arzt den Ehrgeiz hatte, eine neue Krankheit zu entdecken. Heute ist es eher umgekehrt, man studiert die Verwandtschaften der Krankheiten, um die an Zahl verhältnismäßig beschränkten Krankheitsgruppen zu erkennen. Es ist wichtig, sich all das zu überlegen, ehe man an die Frage herangeht, was Franz Rosenzweig mit seinem starken Geiste aus seiner Krankheit gemacht hat Wenn sich Legenden bilden, dann arbeitet immer die frei schaffende Phantasie. Aber wenn Legenden vor der Zeit bestehen sollen, dann muß die Phantasie außer von der Eingebung, von der Liebe und Bewunderung, auch von der kritischen Betrachtung bedient sein. Franz Rosenzweig suchte mich zuerst am 8. Februar des Jahres 1922 als Patient auf oder richtiger, er stand an diesem Tage, nachdem wir manches miteinander geplaudert hatten, mit mir an meinem Haustor, brach plötzlich das Gespräch ab und sagte in seiner herben und spröden Art, er •habe mich auch etwas Wichtiges als Patient zu fragen. Aber es habe Zeit. Ich kannte ihn genug, um zu wissen, daß dieser Frage viel vorausgegangen war, daß es sich um etwas Wichtiges handeln müsse und bat ihn, doch gleich mit 57t 39*

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