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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 570

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig und seine Krankheit
Date
1930-02-01
Page
570 (sequence 9)
Language
German
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Richard Koch geschädigt wird- Er schwindet von selbst, so wie ein Mensch von selbst wächst, wie er nicht zu irgendeinem Lebewesen, sondern zu einem ganz bestimmten Menschen heranwächst, und wie er auch von selbst sterben möchte, ohne daß Gift, Bakterium oder Geschoß ihn vor der Zeit dahinrafft An diesem „von selbst" ändert auch nichts, daß es sich oft zeigt, wie eine Form von der anderen, wie ein Geschehen vom anderen abhängig ist, wie der Muskel schwinden muß, weil eine bestimmte Gruppe von Ganglienzellen vorne im Rückenmark vorher dahinschwindet Dieses Geschehen, dieses Wachsen und Sterben, dieses individuelle Gesundsein und Kranksein ist in dem überlieferten Gedankenbau, dessen Fundamente die Griechen gelegt haben, unverständlich, und soweit Rosenzweig Philosoph war, ist es seine höchste Leistung, daß er diese Unverständiichkeit klar ausgesprochen hat Um zu verstehen, was in seinen dahinschwindenden Muskeln und in seinem vor der Zeit absterbenden nervösen Bewegungsapparat vorgegangen sein könnte, muß man ein gut Teil aller gedanklichen Bildungen des Abendlandes abbauen, ohne den Abbau der Begriffspaare Leib und Seele, Geist und Stoff, Ursache und Wirkung, ohne ihren Ersatz durch wirklichkeitsnähere Begriffe, für die die Sprache noch keine Worte geschaffen hat, die zu schaffen sie vielleicht sogar vermeiden wird; ohne diese uralte und ganz neue Art des Denkens wird man für dieses „von selbst" vielleicht nur Gleichnisse finden können, und im Sinne von Rosenzweig wird man vielleicht auch darauf verzichten lernen und sich mit einer einfachen Beschreibung begnügen, so wie man sich von seinem, von unserem Gotte kein Bild macht und doch hinnimmt, daß er den Menschen nach seinem Ebenbilde geschaffen hat Wenn nun auch Muskeln und zugehörige Nerven dahinschwinden können, wie alles Lebendige dahinzuschwinden bestimmt ist, so schließt das keineswegs aus, daß es von einem Gift oder einem Schädling getroffen, dahinschwinden kann, das heißt, dieser Muskelschwund könnte auch die Folge irgendeiner Infektionskrankheit, etwa einer Diphtherie oder einer Grippe gewesen sein. Für diesen Fall, der zunächst durchaus möglich ist, stellt sich der zu erwartende Ablauf ganz anders dar. Echt endogene Erkrankungen, das heißt solche, bei denen Gewebe von selbst dahinschwindet,, haben erfahrungsgemäß die Neigung, ihr Schicksal zu erfüllen, das heißt unaufhaltsam dem Ende entgegenzueilen. Die Form des Muskelschwundes, von dem hier die Rede ist, scheint eine echt endogene Erkrankung zu sein und pflegt unaufhaltsam bis zum Tode fortzuschreiten. Würde dasselbe Organsystem in gleicher Weise erkranken, weil es von einem Infektionserreger ge- 570

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