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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 569

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig und seine Krankheit
Date
1930-02-01
Page
569 (sequence 8)
Language
German
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Franz Rosenzweig und seine Krankheit allgemein Familien, in denen irgendeine Entartungskrankheit einmal auftauchte, in zwei oder drei Generationen von der großen Gruppe dieser Krankheiten dahingerafft würden, von Geisteskrankheiten, von Krankheiten des Stoffwechsels, von Mißbildung oder von Geschwülsten. Heute weiß man, daß das nur in viel geringerem Umfang gilt Nicht selten treten diese Krankheiten ganz vereinzelt in einer Familie auf, sehr oft sind nicht bestimmte Krankheiten ia bestimmten Familien erblich, sondern es besteht nur eine allgemeine Neigung, an solchen Krankheiten zu erkranken, und was das Wichtigste ist, degenerierte Familien können sich wieder erholen und soweit wir sehen können, frei von Entartungserkrankungen bleiben. Wichtig in unserem Falle ist nur, daß die schreckliche Krankheit für sich genommen, die Entartung eines Organsystems darstellt Das heißt, gewisse Gewebe entwickeln sich nicht so, wie es der Leib verlangt, sondern Zellen sterben ab, geraten ins Wuchern oder bilden nicht während des ganzen Lebens die natürliche Form oder verrichten nicht die natürliche Leistung. Im engsten Sinne versteht man unter der Entartung eines Gewebes das, was in unserem Falle vorliegt Das Gewebe schwindet dahin, ohne daß äußere Ursachen wie Gifte oder Kleinlebewesen es schädigen. Im Einzelfall weiß man natürlich selten, ob nicht doch im Innern des Körpers ein Gift gebildet wird, das die Ursache des Gewebezerfalls ist oder ob nicht gerade umgekehrt die Bildung einer Substanz ausbleibt, die das Gewebe zu seinem natürlichen Leben braucht, wie sich das etwa, bei der Zuckerkrankheit oder der bösartigen Blutarmut gezeigt hat Es muß aus logischen Gründen eine Gewebsveränderung ohne innere oder äußere Vergiftung, ohne den Ausfall lebenswichtiger Stoffe letztlich möglich und vorhanden sein, sonst könnte es kein Wachtstum, keine Entwicklung bestimmter Formen der Lebewesen und keinen Tod geben. Bei diesen ganz allgemeinen Lebensvorgängen muß es einen Anfang geben, und dieser Anfang wäre kein Anfang, wenn ihm die Bildung irgendeines Stoff es oder auch nur irgendeine Ungeordnetheit vorausginge. Gerade Rosenzweig hat in Anlehnung an die S c h e 11 i n g sehe Naturphilosophie gezeigt, wie jede Erkenntnis der tatsächlichsten Tatsachen, jedes Wissen von Gott, Mensch und Welt dadurch entsteht, daß wir nichts davon wissen. Und geradeso, wie es ein schöpferisches Nichts für die Erkenntnis gibt, so gibt es auch ein schöpferisches Nichts für alles Werden, für alles Gesunde und in einer bestimmten Begrenzung auch für alles Kranke. Das heißt in unserem Falle, daß wahrscheinlich der Bewegungsapparat im Ablauf des Lebens eines Tages zu schwinden beginnt, ohne daß er durch einen Stoff oder eine Kraft 39 569

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