Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 568

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig und seine Krankheit
Date
1930-02-01
Page
568 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900305--04042-2900369
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Richard Koch oder ein ganzes. Man kann wohl sagen, daß Muskelschwund dieser Art, wenn das verlängerte Mark sich gar nicht beteiligt, gelegentlich sehr lange dauern kann, sicher länger ab ein Jahrzehnt Es handelt sich dann im allgemeinen um gut gepflegte und geistig ziemlich stumpfe Insassen von Siechenhäusern und Pflegeanstalten. In diesen Fällen hat man den Eindruck, daß das vollkommen sorgenlose Leben im Verein mit der gesundheitsgemäßen Lebensweise und der Krankenpflege, die jede Schädigung des Körpers mit allen Mitteln fernhält, lebensverlängernd wirken. Jahrelang schlurfen solche Kranke in den Anstalten umher, nähren sich gut, genießen Lufl?,. Sonne und alles Behagen, das gutes Wetter und schöne Umgebung bereiten können, nach Kräften, und auch wenn sie bettlägerig geworden sind, wird ihnen hier so viel an Sauberkeit und Behagen geboten, daß ihr Leben trotz der schweren Störung recht reich an glückhaften Momenten ist; und da es sich zudem oft um Angehörige der unteren Stände handelt, für die schon die Befreiung von körperlicher Arbeit ein Glück ist, entwickelt sich eine seelische Verfassung, in der diese Art von Leben auch ihr Gutes zu haben scheint, und gehegt und gepflegt leben diese Kranken zur Überraschung ihrer Umgebung über alle Erwartung hinaus lang. Ganz anders ist es, wenn früh Schädigungen im verlängerten Mark auftreten. Wohl kann die Schluckstörung durch künstliche Ernährung überwunden werden, und auch gegen die Erstickungsanfälle ist manches Kraut gewachsen. Aber das lebenswichtige Organ stirbt unaufhaltsam ab, und Medizin und Krankenpflege sind bald am Ende ihres Könnens, unaufhaltsam naht der Tod und rafft den Kranken nach einem Jahr <oder etwas später hinweg. Dazwischen gibt es natürlich aüe Übergänge. Aber es gibt Ausnahmen, und viel erfahrene Ärzte, wie zum Beispiel der Neurologe Hermann Oppenheim, weisen auf sie hin. Es kommt vor, daß auch bei beträchtlicher Beteiligung des verlängerten Markes die Krankheit Halt macht, und wenn auch keine Besserung eintritt, so bleibt es doch bei einem gewissen Zustande des Verfalls. Bei diesen Ausnahmen handelt es sich wahrscheinlich um etwas ganz anderes, als um das, was man gemeinhin mit dem Fachausdruck bezeichnen will. Die „amyotrophische Lateralsklerose" und die „progressive Bulbärparalyse" sind wohl echte Entartungskrankheiten. Sie sind zwar nicht erblich, sondern treten nur manchmal gehäuft in bestimmten Familien auf, was von allen Entartungskrankheiten, der Fettsucht nicht anders wie der Gicht, gilt. Früher glaubte man, daß ganz 568

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.