Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 567 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig und seine Krankheit Fasern verbunden sind, daß hier wichtige Gewebe liegen, deren Bedeutunguns zum Teil unbekannt ist, so daß hier enge Bezirke Zentren bilden, deren Verletzung den Tod oder schwerste Störungen des Lebensablaufes wie Fieber, Zuckerausscheidung und vielleicht noch manches andere zur Folge haben. Diese Art von Muskelschwund ist oft eine langwierige Erkrankung, die langer als ein Jahrzehnt die Kranken zur Bewegungsstörung und später zur Lähmung der Gliedmaßen verdammt Aber, wenn das verlängerte Mark ergriffen ist, wenn eine „Bulbärparalyse", wie man sich ausdrückt, hinzugetreten ist, dann läßt der Tod nur wenige Jahre auf sich warten. Die Gliedmaßen sind teils mehr lahm, teils mehr krampfig, im allgemeinen die Arme mehr schlaff, die Beine mehr verkrampft Lähmungen von Puls und Atmung befallen also Menschen, die schwer in ihren Bewegungen behindert und zum Skelett abgemagert sind. Es genügt wenig, um solche Kranke durch Störungen der wichtigsten inneren" Organe hinwegzuraffen. Bei all dem ist nichts anderes gestört, als eben die Beweglichkeit Das Gefühl ist ganz normal geblieben, die Sinnesorgane sind ungeschwächt, die Schließmuskeln des Darms und der Harnröhre verrichten ihren Dienst ohne Störung, und was vielleicht am allerschauerlichsten wirkt, der Verstand bleibt scharf, das Seelenleben unverändert Sehenden Auges und klaren Sinnes erleben die Kranken, wie ihnen der Körper dahinschwindet, wie der Stoff sich von ihnen trennt Es gibt ähnliche Krankheiten, die auf Syphilis beruhen, sie verlaufen dann etwas anders. Diese Krankheit beruht auf einer inneren Anlage. Im Augenblick der Zeugung ist entschieden, wann der Mensch erkranken und wann er sterben wird. In unserem Falle ist die wichtigste Frage die nach der Krankheitsdauer. Denn niemand, der Franz Rosenzweig in seiner Krankheit sah, konnte sich dem Eindruck entziehen, daß hier der Geist und die Seele den Leib, der sterben wollte, gewaltsam im Leben zurückhielt, weil Leben, weil die Überwindung des Wunsches Ruhe zu finden, ihm Gebot erschien. Franz Rosenzweig hat nach dem deutlichen Ausbruch der Erkrankung fast acht Jahre, nach ihren merklichen Anfängen acht und ein viertel Jahre gelebt (Daten nach seinen Angaben). Die Angaben der Autoren über die Dauer dieser Krankheit schwanken beträchtlich. Nach manchen Angaben endet das Leiden, wenn es mit progressiver Bulbärparalyse verbunden ist, nach i—2 Jahren mit dem Tode. Ohne Beteiligung des verlängerten Markes dauert diese Form des Muskelschwundes, wie es heißt, ein halbes Jahrzehnt 567 1