Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig und seine Krankheit
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 565 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Franz Rosenzweig und seine Krankheit fluchen und von sich zu werfen. Aber dieses Schlimmste kam noch. hinzu. Wenn schon die Geschichte von Hiob den heiligen Schriften sehr nahe gerückt wurde, dann muß diese in mehr als einer Beziehung bedeutungsvollere Geschichte auch aufgezeichnet werden. Die Geschichte von Hiob könnte gut gedichtet sein, um einem jüdischen Gedanken Form und Leben zu geben. Hier war das Leben selbst der Schöpfer der Geschichte. Man braucht hier nur zu lauschen, um Wahrheit offenbarendes Geschehen nie mehr zu vergessen. Warum ließ Gott so Grausames geschehen? Nicht weil seine Wege unerforschten sind. Es ist nicht des Menschen Aufgabe, göttliches Walten zu erklären. Wir erkennen ohnedies, daß Leid nur dann überhaupt zu uns sprechen kann, wenn es sich um echtes Leid handelt. Leid kann nur Ernstfall sein, nichts was ihn nur andeutet oder sich gar am Ende als Prüfung entpuppt Um Prüfungen handelt es sich nie bei den Geschichten unseres Lebens, sondern um Feuer, das verzehrt, um Krieg und Seuchen mit ihrem Entsetzen und mit ihren Gräbern. Franz Rosenzweig war, seitdem ich ihn kannte, ein Freund unverblümter Wahrheiten. Aber noch damals (1921) trotz eines Medizinstudiums von sieben Semestern, trotz Krieg und Krankheit war er nicht frei von den Illusionen, die uns Menschen das Leben erträglich gestalten. Erst in dem letzten und größten Abschnitt seines Lebens hat er, von seiner Krankheit belehrt, frei von Illusionen gelebt, erst dann wuchs er über den Verfasser des „Sterns der Erlösung" hinaus und erst dann wurde seine Heiterkeit und Freundlichkeit, die so viele Menschen in ihren Bann gezogen hat, so, wie wir sie wohl nicht ein zweites Mal erleben werden. Franz Rosenzweig erkrankte im Anfang des Jahres 1922 mit unverkennbaren Symptomen eines chronischen Leidens des Gehirns, des verlängerten Marks, der Bewegungsnerven und der Körpermuskulatur, die eine der Formen des Muskelschwundes mit Sprech- und Schlucklähmung ist Man nennt diese Krankheit „amyotrophische Lateralsklerose mit progressiver Bulbärparalyse". Es gibt keinen gewohnten deutschen Namen für diese verhältnismäßig seltene Krankheit „Lateralsklerose" heißt Seitenstrangverhärtung und bezeichnet die Entartung einer bestimmten Nervenfaserbahn in Gehirn und Rückenmark, die mit den Bewegungszellen in der Scheitelgegend des Gehirns beginnt, dann das Gehirn durchzieht, sich im verlängerten Mark je mit dem Strang der anderen Hirnhälfte kreuzt und dann zu einem beträchtlichen Teil in den seitlichen Gegenden des Rückenmarks 565