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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 564

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig und seine Krankheit
Date
1930-02-01
Page
564 (sequence 3)
Language
German
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Richard Koch nicht einfach der reinen Flamme zu übergeben. Man vertraut der Weltgeschichte und übergibt die gelesenen und damit gestorbenen Bücher den Türmen des Vergessens. Man rechnet fest damit, daß bald keine Hand mehr die gelesensten Bücher aufschlägt Hier aber ist ein Buch, dessen Verfasser all dies wußte und trotzdem mit der Endgültigkeit und Dauer seines Werkes fest rechnete. Auch ihm wäre sein Buch einfach ein gutes Buch geblieben und er wäre — trotz Freien Jüdischen Lehrhauses und ungebrochener gewaltiger Arbeitskraft — ein Mensch geblieben, der seine Tat vollbracht hat, wenn sie ihm nicht dieses Leben einfach ausgetilgt und ihn wie durch ein Wunder in ein anderes Leben versetzt hätte, in dem sein Buch auf einmal das war, was es sein sollte, eine Tat Seine Krankheit hat aus seinem Leben, aus dem ganz un^- historischen Leben, das er mit seinen Mitmenschen hätte teilen müssen, unliterarisches, historisches Leben gemacht, sie hat ihm da Erfüllung gegeben, wo er persönlich ein Wunder brauchte, um nicht vor einer mit Menschenkraft unerfüllbaren Leere zu stehen. Es hat andere Menschen gegeben, denen aus einer vergleichbaren Lage heraus, der Freitod die einzig mögliche Folge ihrer frühen Vollendung wurde, Otto Weininger und Walter Cale, beides Juden. Ihnen hätte sich Franz Rosenzweig keinesfalls gesellt. Denn er war stark, wo diese versagten, er sah einen Weg, der weiter führte, wo diese nur ein Ende sahen, aber er bleibt ihnen trotzdem vergleichbar, weil er wie sie bewußt vor einem Ende stand. Diesen hätte kein Wunder helfen können, Franz Rosenzweig war imstande, dem Wunder den Glauben entgegenzubringen. Dieser philosophische und musische Mensch hat für sich wieder errungen, was jeder Mensch Gott einmal zurückgegeben hat und was ihm zurückzugeben kaum mehr möglich, weil er es kaum mehr besaß, weil sein Leben, rein physisch genommen, dem Tode immer ähnlicher geworden war. Ihm gelang dies, trotzdem er sieben lange Jahre viel kränker war als Hiob, trotzdem er sicher wußte, daß er niemals wieder genesen würde, und trotzdem er bald einsehen mußte, daß ihm auch ein kurzes schönes Sterben versagt wurde. Er war kein Dulder und stolzer, als daß er gegen die Natur die Rolle eines Dulders hätte spielen wollen. Und endlich nahm ihm die Krankheit seinen schönsten Besitz, die Sprache. Er war ein Meister in Wort und Schrift, er brauchte beides wie die Atemluft für seine Freude und für seine Sendung. Und gerade ihm lähmte die Krankheit die Zunge und die Organe des Schreibens', die Hände. Seine anderen Beschwerden hätten genügt, das Leben zu ver- 564

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