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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 563

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig und seine Krankheit
Date
1930-02-01
Page
563 (sequence 2)
Language
German
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Richard Koch: Franz Rosenzweig und seine Krankheit wesen ist, das war zudem eine Leistung, die über den Gebrauch von Stärketa der Veranlagung weit hinausging. Wer von der Natur reich ausgestattet schreibt, was zu schreiben der Geist ihn treibt, folgt der eigenen Natur und genießt die höchste Befriedigung, die Menschen zuteil werden kann. Wer aber als Kranker seinem Leben die Gestalt gibt, die er in einem bestimmten Geiste zu bilden stark genug ist, ringt der Natur über die höchste Unbefriedigtheit; hinaus gewaltsam ab, was sie freiwillig nicht hergeben will. So war seine Krankheit, wenn man will, mehr sein eigenes Werk, als sein Buch, und sie war mindestens, worauf es hier ankommt, seinen anderen Leistungen nicht unebenbürtig. Diese Feststellung ist nur eine notwendige Voraussetzung, um erklären zu können, warum hier von der Krankheit dieses Mannes erzählt werden kann. Man soll zudem davon erzählen, weil sein Leben eine Geschichte hatte, und weil die Höhepunkte dieser Geschichte sein Buch und seine Krankheit sind. Es schreiben heute viele Menschen Bücher und meist schreiben sie sie, selbst wenn es sich um Darstellungen des eigenen Lebens handelt, ohne inneren Zusammenhang mit der Geschichte ihres Lebens, und diese ist oft mehr, als ihre guten Bücher. Es mag sich auch oft das eine in das andere verweben. Das ganz Besondere ist, wenn sich ein sehr gutes Buch von Gott, der Welt und dem Menschen in der Geschichte des eigenen Lebens verwirklicht Es werden derzeit viele gute Bücher geschrieben und in dieser brodelnden Gegenwart wird viel reiches Leben gelebt Überzeugungen, die lange unerschütterlich schienen, sind ins Wanken geraten. Dazu kam der große Krieg mit ungebahnter Verarmung und unvermutetem Reichtum über Nacht Dabei verliert das Leben sein ursprüngliches Gepräge und die Bücher dieser Menschen bewegen heute die Welt und sind -morgen vergessen. Wir wissen alle, daß heute vielem nicht mehr stimmt, wenn wir unsere Überzeugungen und uns selbst auf Herz und Nieren prüfen. Wir ziehen vor, uns nicht zu prüfen und überlassen unser Gepräge dem Schicksal. Wahrscheinlich warten die meisten von uns auf einen Erlöser, der die letzten noch übrig gebliebenen Bindungen zu Ewigkeit und Wahrheit löst, der uns auf diese Weise ganz frei macht und uns — wenn erst das Krebsheilmittel und einige weniger wichtige Dinge gefunden sind — dann so mit Glück überhäuft, wie ein verständiger Mensch das erwarten darf. Für die Menschen — Nirwana, für ihre Bücher — das nächste gute Buch und Bibliotheken, die Hochhäuser sind und den Türmen des Schweigens der Parsen in manchem immer ähnlicher werden, denn sie dienen dazu, Bücher 563

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