Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 562

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig und seine Krankheit
Date
1930-02-01
Page
562 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900305--04036-2900363
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Franz Rosenzweig und seine Krankheit Von Ridiard Koch Man hört nicht oft davon, wie sich bedeutende Männer in schweren Krankheiten und vor dem eigenen Tod verhalten haben. Das Tier verkriecht sich zum Sterben in ein Versteck. Der Mensch aber darf diesem Urtrieb nicht folgen. Das zeigt sich am Interesse für die letzten Worte großer Menschen, im Kult ihrer Grabstätten, an der Bildung von Mythen und Legenden, in der Heroisierung und Vergötterung und schließlich im Reliquiendienst. Für den beteiligten Menschen handelt es sich hier um Heiliges, für den Hin'izugezogenen oft um Künstlerisches, und es ist nicht leicht auszusprechen, wo das Gebiet aufhört, in dem wirklich nur Neugierde das Recht eines Lebendigen stört Wie unsicher wir uns hier fühlen können, zeigt deutlich etwa die Art und Weise, in der die Kunde vom unnatürlichen Tode der Gelehrten, die ein schätzereiches ägyptisches Königsgrab eröffnet hatten, von Mund zu Munde ging. Der Arzt, der vom Kranksein und Sterben Franz Rosenzweigs erzahlt, bewegt sich an einer Grenze, auch wenn er die Erlaubnis dazu erhielt, von dem Leiden dieses Menschen zu erzählen. Aber man hat die Gewißheit, daß man keine unberechtigte Grenzüberschreitung begeht, wenn man von der Krankheit Franz Rosenzweigs erzählt Denn daß er den „Stern der Erlösung" schrieb, und daß er auf seine Weise einem vernichtenden Leiden erlegen ist, gehört zusammen. Beides sind ungewöhnliche Leistungen eines Menschen, und es war hier kaum mehr Schicksal, ein bestimmtes Buch zu schreiben, als auf eine bestimmte Weise krank zu sein. Wenn man fragt, auf welcher Seite in diesem Falle mehr Freiheit des Handelns lag, lautet die richtigere Antwort, daß sie in der Art seines Krankseins gelegen hat Sein Buch gehört zu den Büchern, die zu schreiben ein Mensch bestimmt ist; wie er aber krank ge- 562

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.