Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 559 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900304--04032-2900360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Franz Rosenzweig Wenn ich aus ihnen die Einleitung zu Hermann Cohens Schriften herausgreife, so ist es nicht nur wegen der tiefen Bedeutung, die Hermann Cohens Leben für das Rosenzweigs gehabt hat, sondern auch wegen der wundervollen,, freudigen Klarheit, mit der hier die Entwicklung eines tief im jüdischen Erdreich wurzelnden deutschen Denkers dargestellt ist, der durch die ganze Welt abendländischen, deutschen Denkens hindurchgegangen ist und sie ganz zu seiner eigenen gemacht hat, um dann als ein „Baal t'schuwoh", ein Mann der Umkehr, der Heimkehr, den Zauberkreis der Immanenz des Denkens aus einer tieferen Wirklichkeit zu durchbrechen — und dann dennoch, sich der geschichtlichen Welt wieder zuwendend, der reinen Gewißheit Ausdruck zu geben, „daß die Quellen, die ihm zur Hut und Stillung des Durstes der eigenen Seele anvertraut sind, im Stromnetz der Vernunft die ganze Erde wässern." Schon in diesen letzten Worten allein scheint die Aufgabe, die Rosenzweig sich hier stellte, erfüllt und der „Kosmos des Cohenschen Schrifttums, aus dem diese jüdischen Schriften eben doch nur ein Ausschnitt sind", wenn nicht voll gezeichnet, so doch mit sicherer Hand umrissen. Und zuletzt hat noch das gewaltige Werk der neuen Bibelübersetzung, die Franz Rosenzweig gemeinsam mit Martin Buber unternommen hat, als ihre Grundvoraussetzung dieselbe leidenschaftliche Gewißheit des Ewigen über aller Zeit, das doch nur lebendig werden kann, wenn es in der Zeit vergegenwärtigt, mit ihr neu auseinandergesetzt wird. Rosenzweig war sich — er hat es in seinem klassischen Rechenschaftsbericht „Die Schrift und Luther" ausgesprochen — vollkommen bewußt, wie unmöglich es in der heutigen Situation ist, das in der Geschichte selbst gegründete und in ihr doppelt fortwirkend« Werk der Lutherübersetzung zu erreichen; mehr noch: er wußte, daß die heutige Übersetzung im doppelten Sinne eine theoretische Unmöglichkeit war. Aber er wußte auch, daß sie trotzdem etwas von der Geschichte selbst Aufgegebenes war, und aus dieser schlichten Einsicht hat er den „Mut der Bescheidenheit" geschöpft, „die nicht das erkannte Unmögliche, sondern das aufgegebene Notwendige von sich selbst fordert". So handelt es sich auch hier wieder um ein Dennoch: das große Dennoch der Verlebendigung eines Ewigen, das zu' erstarren drohte und das nicht bloßes totes Kulturgut werden darf, eben weil es seinem Wesen nach lebendige Wahrheit ist Und wie 559