Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 558 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Aber während Rosenzweig mit schon erlahmten Körper immer weiter die ausgedehnte Arbeit seiner politisch-pädagogischen Tätigkeit leistete, — während er zugleich weiter Leben um Leben in sein überreiches Dasein aufnahm, — denn von den alten Freunden ging ihm keiner verloren, und viele neue: ältere, gleichalterige und junge gewann er hinzu — während er jeden Freund, der in sein Arbeitszimmer eintrat, stumm und reglos in seinem Stuhl aufgerichtet, mit seiner Gegenwart, seinem Rat, seinem Blick, seinem Lächeln, mit der Klugheit und Heiterkeit seiner Worte stärkte und beglückte, und so jedem von ihnen gleichsam selber die Furchtbarkeit seines eigenen Schicksals abnahm — während er all dies tat und leistete und war, riß doch zugleich seine Arbeit nicht ab. Das erste große Werk, das aus der Zeit seiner Krankheit zu den Menschen drang, war die Übersetzung der Hymnen des Jehuda Halevi in ihrer himmelanbrennenden Glut und Bereitschaft — auch sie eine einzige gewaltige Vergegenwärtigung des Ewigen, in der die Stimmen der beiden Dichter gar nicht mehr zu unterscheiden sind. Ganz und gar und mit der subtilsten Exaktheit hat Rosenzweig sich zum „Sprachrohr" der fremden Stimme gemacht, und doch ist es seine eigene Stimme, in der die fremde Dichtung erklingt Wenn der Dichter des Mittelalters alle Kraft seines überreichen Geistes in den Dienst der einzigen Gewißheit seines Herzens stellt, wenn er in immer neuen Gedanken und Weisen die Ewigkeit und Einzigkeit seines Gottes und im Bilde Zions das Schicksal der von ihm in die Welt verstoßenen und ihm doch ewig anhangenden Seele singt, so fühlen wir die beiden Stimmen wie in einer einzigen Flamme zusammenschlagen. — Die Erläuterungen, die Rosenzweig zu jedem einzelnen der 92 Gedichte gegeben hat, enthalten eine ganze große Religionsphilosophie, in der Wahrheiten niedergelegt sind, die gegenüber denen des Sterns der Erlösung anmuten wie der still und klar gewordene See gegenüber dem brausenden stürzenden Strom. — Es sind Worte von jener vollkommenen Paradoxie der Stille, wie sie am reinsten ausgesprochen ist in dem Wort der Gewißheit, „daß Gott ihm schon getan hat, worum sein Herz noch tobt" Und wie m diesem Werk eine einzige Versöhnung von Ewigkeit und Zeitlichkeit geleistet ist, so haben trotz ihrer ganz verschiedenen Probleme auch jene vielen, dem Format nach kleinen, dem Gehalt nach großartigen Schriften des letzten Jahrzehnts seines Lebens, von denen ein großer Teil zuerst im „Morgen" erschienen ist und die dann zum größeren Teil in dem Band „Zweistromland" gesammelt sind, nichts anderes als dies zum Inhalt 558