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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 557

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig
Date
1930-02-01
Page
557 (sequence 17)
Language
German
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Franz Rosenzweig kommen müßte, keinen Holzklotz, in dem er nicht einmal Wohnung nimmt, und keinen Davidspsalm, der sein Ohr immer erreicht" Aber darum wußte er doch immer: der Weg, den es zu bereiten, das Haus, das es immer neu zu bauen und für Gott offen zu halten galt, war das jüdische. Hier — an unserem Ort: in der deutschen Wirklichkeit. Denn auch die deutsche Wirklichkeit empfand er jederzeit als unmittelbare Aufgabe.. Er liebte Deutschland — wie hätte er es nicht lieben sollen, mit dem er so eins war, daß seine Form ihm viel sichtbarer aufgeprägt war als die des eigenen Stammes? — Deutschland war als Wirklichkeit ihm das „Nächste" — im Sinne des Nächsten in seinem Stern: das, was durch seine Nähe seinen Einsatz verlangte. Und so hat er ihn geleistet, indem er sein Leben in immer erneutem Einsatz des Dienstuntauglichen in den Krieg ihm geradezu als Opfer aufgedrängt hat, — bis er es erzwang, schließlich doch noch an die Front zu kommen, an der er sich den Keim zu seiner tödlichen Krankheit holte. Und Deutschland war als geistige Welt die Quelle, aus der und durch die hindurch er bis zum Augenblick seiner Umkehr fast alle seine Inhalte empfangen hatte,, aus der er auch weiterhin Köstlichstes empfing. Was allein Goethe für dies Leben und Denken bedeutet hat, das könnte der Inhalt einer langen Abhandlung sein, die in das Zentrum von Goethes wie von Rosenzweigs Leben führen würde. Goethe war ihm durch die schlagende Offenbarungskraft seines Wortes und die abgründige Tiefe seines Blicks, der noch da schaute, wo für Sterbliche nichts mehr zu schauen ist, der Kronzeuge seiner erfahrenen Wahrheiten; an seiner Hand ist er hinabgestiegen in die Nacht der Vorwelt seines Sternes; noch durch die Welt der Offenbarung tönt immer wieder die Urgewalt Goethescher Worte; erst in der Überwelt der erlösten Gestalt ist die Sprache eine andere — und mit Goethes Worten hat Rosenzweig schließlich noch die spätere Erläuterung seines Denkens im Stern der Erlösung geschlossen. — Aber Goethe war ihm noch mehr und anderes: er war ihm der Pegel des Erlösungsstandes der europäischen Menschheit selbst und der, an dessen Bekenntnis das seine sich entschied. Vielleicht kann überhaupt nur ein Jude, ein' großer, seines Judentums bewußter Jude, Goethe so sehen, wie Rosenzweig ihn gesehen hat: von der Grenze seiner eigenen Welt her in der nur in jenem einzigen Augenblick möglichen, geheimnisvollen Frömmigkeit seiner heidnischen Christlichkeit — 557

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