Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 556 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman sondern auch in einem vollen geschichtlichen Außen: in unserer Zeit, an unserem Ort, in allen Bedingungen, in denen wir stehen, erneuert hat Als großer Lehrer hat er überall das ganz besondere Wie des Judentums in der gegenwärtigen deutschen Welt umrissen — in großartiger Freiheit und zugleich in strenger Bindung — umrissen nicht nur in dem von ihm gegründeten und noch lange bis in seine Krankheit hinein geleiteten jüdischen Lehrhaus in Frankfurt, dem sich zahlreiche Lehrhäuser in anderen Städten anschlössen — und auch nicht nur in dem von ihm ausgegangenen großen Gedanken der Gründung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums — sondern auch in seinem ganz persönlichen Leben und in seinem unmittelbaren Wirken: in seinen unzähligen, kostbaren Briefen, von denen jeder ein Kleinod an Präzision und Weisheit, an Ernst und Humor war, und schließlich auch in all seinen herrlichen, grundlegenden Schriften, in denen er immer wieder zu bestimmten jüdischen Problemen innerhalb des deutschen Lebens Stellung nahm. So war er trotz seines innigen Bekenntnisses zum Gesetz, trotz seiner Rückkehr zu den alten jüdischen Lebensformen nicht orthodox, wenigstens nicht in dem üblichen starren Sinne; denn es war ja im Gegenteil gerade der Glaube an das lebendige, immer wieder neu zur Verwirklichung aufgegebene Leben der jüdischen Lehre und an die lebendige Entwicklung der Ewigkeit des Gesetzes und der Schrift selbst im geschichtlichen Leben, von dem er ausging in der Gewißheit, daß nur in der Gegenwart das Ewige als Wirldiches erfahren werden kann. — Aber ebensowenig kann man ihn liberal nennen; denn nur in der Verwirklichung der streng bewahrten alten Formen war ihm ja der Gehalt des Ewigen zu erfassen. Sein Bekenntnis ging durch alle Richtungen und Parteien quer hindurch. Gerade festgelegt sein durfte in ihm nichts als die Grundlage selbst Denn Rosenzweigs innerster Wille war ja Vergegenwärtigung: immer neues Hereinbolen dessen, was über aller Zeit und über allem Raum ist, in jede besondere Zeit, in jeden besonderen Raum. Er wußte — und in keinem seiner Worte ist mit der tiefen Geschlossenheit und Sicherheit seiner Überzeugung zugleich so deutlich ihr ewiges Offenstehen, die demütige Unsicherheit der gläubigen Bereitschaft und die Gewißheit, daß jedes echte Bekenntnis vor Gott gilt, abzulesen wie in diesem: „Es gibt keinen gebauten Tempel, der ihm so nah wäre, daß der Mensch sich dieser Nähe getrösten dürfte, und keinen, der ihm so fern wäre, daß sein Arm nicht leicht auch dorthin langen könnte, keine Richtung, aus der er nicht kommen könnte, keine, aus der er 556