Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 555 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig Bestimmung für die Welt erfuhr, — weil sie in dieser Bestimmung ein für allemal „das Gebet des Ungläubigen in das des Gläubigen" aufgenommen hatte. Es war Rosenzweigs Absicht, nachdem er den „Stern der Erlösung" beendet hatte, kein Buch mehr zu schreiben. An Stelle des Schreibens trat nun das Leben in der Wirklichkeit und mit ihm sein großes lebendiges Wirken: sein „Lernen" und sein Lehren. Eine unermüdliche Arbeitskraft stand trotz seiner schon im Kriege schwer erschütterten Gesundheit seinem hellen und durchdringenden Geist zur Seite. Es war ein öffentliches Wirken, eine politische Tätigkeit großen Stils, in die er nun eintrat Denn — und. hier scheint ein Widerspruch zu liegen — Rosenzweig war ein eminent politischer Mensch. Nicht umsonst hatte ihn der Staatsgedanke, dieser doch nach seinem eigenen Zeugnis dem Judentum fremde Gedanke, jahrelang so intensiv beschäftigt, daß er ihm zum Gegenstand eines Buches wurde. Aber zwischen jenem Jugendbuch und seinem späteren intensiven politischen Wirken lag ja eben das, was diese gesamte Politik unter ein anderes Vorzeichen stellte als das der Politik im üblichen Sinne: des Staates und der Staatenbildung, deren Gesetze Krieg und Revolution sind- Wohl war Rosenzweig ein streitbarer Mann, ein kriegerischer Geist, dem es unmöglich war, auch nur in der geringsten Sache Kompromisse zu schließen, der jede Wahrheit durchfocht bis zum Ende. Aber seine politische Wirkung hatte — mächtig und klug und im Irdischen wirksam, wie sie war — doch nur das Eine Vorzeichen: das der Ewigkeit, des Gesetzes. Seine Tätigkeit, ganz und gar auf die Wirklichkeit gerichtet, hatte doch nie einen anderen Sinn als eben den der Vergegenwärtigung des Ewigen, des Hineinziehens des Ewigen in die Zeit im gemeinsamen Tun; und so war sie ihrem letzten Sinne nach nie etwas anderes als Liebe. Darum war er noch mehr Pädagoge als Politiker. Denn seine Liebe war keine weiche Liebe, sie war fordernd, weil sie bildend; war, sie richtete, weil sie gerichtet war; sie war nicht blind, sondern sehend; denn ihr Helfer und Vollstrecker war das Erkennen in jenem Sinne, wie er selbst ihn einmal ausgesprochen hat: „Letztes Erkennen verteidigt nicht mehr, letztes Erkennen richtet". Was Rosenzweig in allem, was er unternahm, am Herzen lag, war die Begründung eines neuen jüdischen Lebens. Die tiefe Verlebendigung der jüdischen Lebensformen, für die ihm vor allem eine neue Jugend dankt, bestand darin, daß er die Ewigkeit des Judentums nicht nur in der Innerlichkeit, 555 38*