Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 554 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman aus erklingt die letzte, schlicht eindringliche Frage des Buches: „Wo hinaus aber öffnen sich die Flügel des Tors? Du weißt es nicht? Ins Leben." Das Buch ist geschlossen. Der Denker ist hinausgetreten auf den Weg zu seiner Überwindung: zur Bewährung seiner Wahrheit im Leben. Die schlichte Zurückführung ins alltägliche Leben jedes Einzelnen bedeutet für ihn selbst nichts anderes als die demütige Unterordnung unter seine Wahrheit Damit ist die Umkehrung, die uns durch das ganze Buch begleitet, zur schlichten Umkehr vollendet Das Letzte ist wieder zum Ersten geworden: zum Ersten, zum Anfang des neuen Lebens. Auch dies Buch — und gerade dies Buch — wird Wahrheit erst durch seine Bewährung. Es kann sich selbst nicht verantworten, es muß, wie Rosenzweig selbst es später aussprach, verantwortet werden am schlichten Alltag des Lebens. „Nur um ihn als Alltag zu erkennen und zu leben, mußte der Lebenstag des All durchmessen werden."— Und nun erst geht uns nicht nur der Sinn des Buches, sondern der Sinn dieses Lebens selbst in seinem erlösenden Sternenglanz auf: daß der, der es schrieb, der es dem Ewigen aufgeschlagen in stolzer Demut entgegenreichte, von ihm als Antwort das große Ja erhielt: daß er gewürdigt wurde, sein Denken über alles Denkbare hinaus wahrhaftig zu bewähren: daß er der Blutzeuge seiner eigenen Wahrheit werden durfte. Gott hat sein Gebet nicht verworfen, obwohl es aus dem Dunkel unserer Weltstunde aufstieg; aber er hat dem, der dies ungeheure Dennoch der Erlösung gegen unsere ganze Welt aussprach, das Äußerste zu seiner Bewährung auferlegt Er hat ihm gegeben, die Vorwegnähme der überschwänglichen Lichtschau seines Buches in einem dunkelsten und äußersten Schicksal zu verantworten. Und so hat er diesen Menschen das erleben lassen, was er selbst einmal mit begnadetem Wort als das Erlebnis des Wunders ausgesprochen hat: daß nicht nur eine einzelne bestimmte Frage, sondern die Frage seines ganzen Lebens selbst „aus einem Problem des Denkens eine Kraft des Herzens geworden ist" Denn daß in diesem Leben der Geist lange Jahre hindurch allein, vom Körper verlassen zu leben vermochte — das war nur möglich, weil dieser Geist in einer Kraft des Herzens wurzelte, die noch größer und tiefer war als er selbst: in einer Frömmigkeit unter allem Fragen. Und diese Frömmigkeit war um so tiefer, weil sie nicht fraglos war von Anbeginn, sondern weil sie der einmal geschehenen Erfahrung der letzten Gewißheit die Treue hielt, in der die Seele dieses Menschen ihre 554