Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 552 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900304--04025-2900353- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Margarete Susman sind für den Juden längst aus dem Kreise des Lebendigen geschieden." Er hat keinen Anteil an den Formen, die das Gestaltungsmittel des Christentums ins Leben sind: an Kirche und Staat Denn während im Juden das Ewige schon dadurch allein lebt, daß er fortgezeugt wird, ist der Christ immer auf dem Weg. Auf dem Wege in dem Sinne, daß die geschichtliche Welt das ihm angewiesene Feld der Verwirklichung ist, daß sie es ist, die ihm zur wachsenden Durchformung von der Offenbarung her: zur Verchristlichung und d. h. zur Verewigung übergeben ist — während das jüdische Volk schon in seiner bloßen Wirklichkeit als in der Ewigkeit lebt — Beide: der ewige Weg des Christen wie das ewige Leben des Juden sind Gottesdienst; beide sind nicht die ganze Wahrheit, sondern Anteil an der Wahrheit. Rosenzweig weiß um die Verengung, die dem jüdischen Menschen dadurch geschieht, daß die Welt ihm letzthin fremd ist, daß er das, dessen er bedarf, in sich trägt; er ist der, der sich nicht wie der christliche Mensjch von der lebendigen Wirklichkeit fortwährend überraschen lassen kann. Aber dafür hat er die Gewißheit, „daß er gar nicht in sein eigenes Innere niedersteigen kann, ohne daß er in diesem Niedersteigen ins Innerste zugleich zum Höchsten aufstiege". Denn in ihm selbst ist ja das Leben der Ewigkeit: „Im Gottesvolk ist das Ewige schon da, mitten in der Zeit". Es lebt im Volk als Volk — sofern es die ganze geheiligte Vergangenheit seines Volkes beständig erinnernd, d. h. in seiner lebendigen Gegenwart erneuernd — aber auch die ganze Zukunft der erlösten Menschheit beständig schon in seine lebendige Gegenwart hineinziehend — das wirkliche jüdische Leben lebt So stellt der Jude seine Ewigkeit lebendig mitten in die Zeit hinein: im Gesetz und in der Gestalt, die es im Ring des geistlichen Jahres: in seinen allwöchentlich und in seinen alljährlich wiederkehrenden Festen gewonnen hat, die überall Vergangenheit und Zukunft in der Gegenr wart lebendig miteinander verbinden. In diesem Sinne: als gelebte Wirklichkeit, als lebendige Vergegenwärtigung hat Rosenzweig das Gesetz und die volle Gestalt des jüdischen Lebens unserer Zeit zurückzugeben gesucht. Denn nur so, indem das Leben der Ewigkeit in der Erinnerung und in der Hoffnung immer wieder lebendig erneuert wird, kann wirklich das geschehen, was dieser Philosophie als ihr Ziel vorschwebt: daß die Liebe Gottes an die Stelle des menschlichen Erkennens tritt, daß — wie es hier ausgesprochen ist — Gottes Wesen, das bisher alles Denken zu erfassen suchte, „zergangen ist in seiner ganz nahen, ganz wesenlosen, ganz wirklichen Tat, in 552