Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 551 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig Denken eines heutigen deutschen Denkers Gestalt gewonnen hat Denn dies Buch vom Leben und von der Wirklichkeit, vom Gott der Wahrheit und von der Liebe Gottes und des Menschen ist doch zugleich durchaas Philosophie und will Philosophie bleiben. Es ist keine Theologie, es trägt nur die ganze Gewißheit der Theologie in sich; aber es schafft ihr zugleich eine neue Denkbarkeit Und wenn es die Sprache der Theologie spricht, so spricht es auch sie als eine neue, wieder erneuerte: als die der Wissenschaft vom Wunder, von der Erfahrung und der Erfassung des Lebenswunders selbst So ist es die wunderbarste Verschlingung von jüdischer Gewißheit und deutschem Denken, von uraltem Wissen und neuem Schauen. Es ist ein urjüdisches und es ist ein urdeutsches Buch. Hineingestellt in den Ort und die Stunde, in der es entstanden ist, nichts von der Entwicklung des heutigen Denkens und Lebens preisgebend, aus ihm das Gesetz seiner Bildung empfangend: das Buch eines deutschen Menschen unserer Zeit, der dem deutschen Denken eine einzigartige Vollendung gegeben hat, bekennt es die reine Ewigkeit des jüdischen Menschen. Das Wir der Gemeinschaft, in der die Menschheit erlöst ist, ist hier vertreten durch das Wir der jüdischen Gemeinschaft, wie sie in Gott ursprünglich gegründet ist Denn: „Es gibt nur Eine Gemeinschaft, die das »Wir« ihrer Einheit nicht aussprechen kann, ohne dabei in ihrem Innern das ergänzende »sind ewig« mitzuvernehmen." Alle anderen Völker sind sterblich dadurch, daß sie an ein bestimmtes Land, an eine irdische Heimat gebunden sind, um die das Blut ihrer Söhne fließt „Wir allein vertrauten dem Blut und ließen das Land____ und lösten allein aus allen Völkern der Erde unser Lebendiges aus jeder Gemeinschaft mit dem Toten. Das Land ist dem Juden im tiefsten Sinn eigen, eben nur als das Land seiner Sehnsucht, als — heiliges Land." — „Mein ist das Land, sagt ihm Gott". Die Blutsgemeinschaft schon also macht den Juden zum Juden; das Blut selbst ist hier nichts anderes als der Träger der Ewigkeit durch die Zeit — während jeder Christ als der irdischen Heimat Verhafteter von Geburt Heide ist und zum Christentum erst durch die innere Umkehr gelangt, die unter dem Zeichen des Kreuzes geschieht So hat das Judentum das Heidentum außerhalb seiner, das der Christ in sich trägt und erst durch die Geschichte hindurch in sich überwinden muß. Darum lebt der Christ immer in der Zeit und in der Welt, während dem Juden der Anteil am zeitlichen Leben der Mitwelt versagt ist um des ewigen Lebens willen, das sein Teil ist „Land, Sprache, Sitte und Gesetz, in deren lebendiger Entwicklung die christlichen Völker leben* 551