Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 550 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman lag ja bei ihr im Dunkel der Vorwelt der schweigenden Erfahrung. Das Ende aber ist Licht über aller Sprache. Es ist Gott. In ihm mündet die Welt der Schöpfung und der Offenbarung, die zwischen Anfang und Ende liegt, in die Erlösung. Denn Gott ist die Wahrheit. Ihm allein ist sie als Ganze zuteil; uns Menschen wird nur ein Anteil an der Wahrheit Aber indem wir eingefügt sind in die Sternenbahn der Erlösung, indem wir selbst es sind, durch die sie hinführt zum Ende, wird dieser Anteil uns nicht gegeben als bloßer Teil, — sondern er wird in unsere Hand gelegt als unser Anteil; er wird uns übergeben zu seiner Bewährung. Bewährung der Wahrheit Rosenzweig selbst hat später die Erkenntnistheorie, die die Wahrheit bewertet nach dem Preis ihrer Bewährung: — nach dem also, was der Mensch in sie einsetzt, für sie opfert — eine messia*- nische Erkenntnistheorie genannt Denn in der Bewährung der Wahrheit, in dem Ergreifen der Wahrheit als unseres Anteils an der Wahrheit Gottes liegt ja der Weg zur Erlösung. Und wieder sehen wir die Bahn sich schließen: daß Gott die Wahrheit ist, „auch das können wir nicht anders erfahren als dadurch, daß er — liebt". In seiner Liebe allein erfahren wir den Aufruf, unseren Anteil an ihm, der die Wahrheit ist, zu bewähren. Diese Bewährung kann nur geschehen in der Gemeinschaft Und unsere Erlösung selbst ist nichts anderes als die Vollendung dieser Bewährung im großen Wir der Einen Menschheit Denn indem am Ende jeder Einzelne seinen Anteil an der Wahrheit als bewährten vor Gott hinträgt, ist nicht nur die Relativität aller einzelnen Wahrheiten, sondern auch der Tod des einzelnen Geschöpfes überwunden, weil im Bekenntnis des Individuums zu seinem Anteil an der ewigen Wahrheit das Stück todgeweihter Wirklichkeit verlassen ist, das der Träger aller einzelnen Wahrheit ist Und damit erkennen wir: an die Sterblichkeit des Menschen selbst ist seine Erlösbarkeit gebunden. Wie er nur als seinen Anteil die Wahrheit bewähren kann, so kann er nur als vergängliches sterbliches Wesen sich für die Ewigkeit entscheiden. — Und so schlägt in der Erlösung, in der die Wahrheit aller bewahrt ist als die Eine, in der der Tod aller Einzelnen überwunden ist im ewigen Leben des Wir, die Eine Menschheit mit der ewigen Wahrheit zusammen. — Wir erkennen, wo wir stehen, wohin das Denken im Strom des vollen Lebens an der Hand der lebendigen Liebe gelangt ist Die Gewißheit dieses Buches ist jüdische Gewißheit, jüdisches Urwissen, das im neuen Denken: im 550