Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 549

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig
Date
1930-02-01
Page
549 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895490-2900304--04022-2900350
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Franz Rosenzweig gelegt Jede Zeit hat ihre besondere Form der Erlösung, der Erlösbarkeit, Immer, auch für uns also, muß der ganze Erkenntnis- und Erlebnisstand unserer Epoche lebendig durchmessen sein, wenn es gilt, unsere Wahrheit zu erkennen — zu bekennen. Nichts von der gesamten Entwicklung einer ungläubigen Welt kann uns hier erlassen werden. Ein Glaube, der die ganze Flut der Zweifel und des Unglaubens des heutigen Lebens einfach draußen lassen, nicht in sich aufnehmen und überwinden würde, wäre nicht der Glaube, aus dem unser heutiges Gebet zum Himmel dringen kann. Aus unserer Kraft, der Kraft unserer Seele, muß diese Überwindung geschehen — aber leisten kann sie nur die Seele, die von Gott zu ihr aufgerufen wurde. Nur die gottgeliebte Seele ist fähig zum Werk der Erlösung. Und so wird sichtbar, daß das Licht, das durch die Erlösungsbahn des Sternes gleitet, wie die Kraft, die durch dies ganze wunderbare Werk braust, in das Inhalt und Form der gesamten geschichtlichen Welt hineingepreßt und bis zum Grunde durchgedacht sind, letzthin keine andere ist als die Liebe. Die Liebe in dem ganz bestimmten Sinn der Erweckung und des Erwecktseins zur lebendigen Vergegenwärtigung. Was das neue Denken dem alten entgegenzusetzen hat und wodurch es gegen dieses aus seinem innersten Zentrum her aufgerührt und gegen sich selbst herumgekehrt wird, das ist, daß in ihm als Grund und Ziel aller Wahrheit und alles Suchens nach der Wahrheit die Kraft der lebendigen Liebe entbunden ist Und damit ist die Kraft gefunden, die sich dem Tod als echter Gegner und Überwinder gegenüberstellt Wo aus der Liebe gefragt wird, da kann der Tod des Menschen nicht übergangen werden; wo aus der Liebe geantwortet wird, da kann der Tod des Menschen nicht das letzte Wort sein. So ist der Sinn des neuen Denkens kein anderer, als daß das gesamte vom bloßen Wissen abstrakt, und damit tot und vargangen erkannte Leben in der Liebe gegenwärtig und lebendig wird. Wie unermeßlich die Folgen dieser Verlebendigung für die Erfassung der Wahrheit sind, wie sehr sie das Denken gegen sich selbst herumkehrt, das wird mit einem Schlage klar, wenn man erkennt, daß an Stelle des Urwortes der bisherigen Philosophie, das das Wort des Anfangs war: „Alles ist Wasser", in dieser Philosophie das Urwort tritt, das das Wort des Endes ist: „Gott ist gut". Diese Umkehrung, die mehr als eine Umkehrung, die eine Umkehr bedeutet, sehen wir, uns zurückwendend, aus dem Anfang dieser Philosophie selbst entspringen und schon in ihm wirksam. Denn der Anfang des Fragens 549

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.