Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 547 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Kosenzweig einander ist kein anderer als unsere Wirklichkeit selbst. Sie ist es, die die stumme Verschlossenheit der Urwesen löst, indem sie sie zwingt, sich aus ihrem Innersten gegeneinander umzukehren, sich einander zuzuwenden, sich zu offenbaren. Der Strom, in den sie eingehen, die Bahn, die sie beschreiten, ist das Leben der Geschichte, unserer Geschichte selbst — sobald sie erkannt ist als „der eine Strom der Weltzeit, der ... von Weltmorgen über Weltmittag zu Weltabend die ins Dunkel des Etwas auseinandergestürzten Elemente des All wieder zusammenführt in dem einen Welttag des Herrn". Derart hat die Philosophie mit der Umkehrung des Denkens ihre Sprache gewandelt — nicht nur gegen die der gesamten Philosophie von der Antike bis Hegel, sondern auch gegen die der späteren einsamen Philosophen, der persönlichen „Weltanschauungen", von denen jede die andere hoffnungslos relativiert Denn wohl darf das in dieser Philosophie des einsamen Selbst gewonnene reale Leben der Einzelnen der Philosophie nicht wieder verlorengehen; von ihm ist ja hier die Rede; aber auch für dies Leben muß der Boden einer neuen Wahrheit gefunden werden, weil wie dort in der alten Philosophie die Wahrheit des Menschen so hier, in der Weltanschauungsphilosophie, die Einheit der Wahrheit selbst verloren gegangen ist Und worin liegt nun diese neue Wahrheit, die zugleich die Wahrheit des wirklichen Menschen und doch keine nur persönliche: die die Eine objektive Wahrheit selbst ist, die das Leben des Einzelnen in sich aufnimmt und den Tod des Einzelnen überwindet? Die Antwort ist schon gefunden, indem die Verbindung der Elemente geschehen, die Ordnung zwischen ihnen als die Eine Weltzeit gestiftet ist. Denn diese Ordnung, diese Gestalt der Geschichte ist keine andre als die Welt der Offenbarung. Mit anderen Worten: die Geschichte, wie sie hier gesehen ist, ist die Geschichte als der Eine große Heilsprozeß der Menschheit; die Philosophie, wie sie hier getrieben wird, ist die Philosophie des gläubigen Philosophen, der sich dem alten toten wie dem neuen lebendigen Denken gegenüber auf einen neuen: den uralten Boden der Offenbarung gestellt hat. Die stumme Vorwelt der Erfahrung, in der die Elemente gefunden wurden, enthüllt sich so als die Welt des Heidentums, das vor der Welt der Offenbarung liegt, in der das Lebeni Sprache gewonnen hat Denn die Sprache ist selbst Offenbarung. Und die stumme Welt des heidnischen Mythos ist zu- . gleich keine andere als die Welt der Kunst, die keine Wirklichkeiten, sondern nur stumme Bilder des Wesens schafft, „die Sprache nur des Unaussprechlichen": auch sie eine Welt vor der Offenbarung. 547