Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 546 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Damit dreht sich die ganze Fragestellung um. Die Philosophie, die so fragt, kann nicht mehr ausgehen von einer Setzung des Denkens, von bloß Gedachtem; sie muß ausgehen von der lebendigen Erfahrung des Wirklichen. Und in dieser von den Fesseln des abstrakten Denkens befreiten lebendigen Erfahrung findet nun der Mensch nicht nur sich selbst in seiner vollen lebendigen Tatsachlichkeit als sterbliche Wirklichkeit außerhalb alles Denkbaren; sondern er findet auch sich gegenüber als nun nicht mehr in das denkbare All einzubeziehende Wirklichkeiten die Welt und Gott Das Eine All ist auseinander gefallen. Die drei großen Urwirklichkeiten Gott, Welt und Mensch stehen einander unverbunden gegenüber. Weil sie nichts Denkbares mehr sind, darum sind sie weder auseinander abzuleiten, noch aufeinander zurückzuführen. Jede ist etwas durchaus für sich und in sich selbst. Nicht in der Klarheit logischen Denkens müssen sie darum aufgesucht werden, sondern jede muß in ihrer eigensten Wirklichkeit vor allem Denken aufgesucht werden: in der Erfahrung. Und Rosenzweig geht jeder dieser drei großen Urwirklichkeiten nach bis in die allerletzte Tiefe ihres Erfahrenwerdens. Er ist wirklich hinabgestiegen in die schweigende Vorwelt vor allem Raum und aller Zeit: in das Reich der Mütter, um dort ihr Geheimnis vor aller Denkbarkeit zu erlauschen. — Aus der schweigenden Nacht, die für das Wissen ein Nichts ist, steigen die drei großen Urwirklichkeiten langsam herauf. In einer tiefen wundersamen Wesensschau wickeln sie sich langsam aus dem Geheimnis ihres Nichts los. Noch richtungslos, noch stumm, noch ganz in sich verschlossen — Gott ganz Gott — die Welt ganz Welt — der Mensch ganz Mensch — erheben sie sich aus dem nächtigen Schweigen des vorbewußten Lebens. Wir haben sie in ihrem Wesen erkannt So aber sind sie nicht das All — sondern nur Teile des AU. Und es erhebt sich die Frage: wie können diese starr in sich selbst verschlossenen Wirklichkeiten zueinander kommen, um wieder ein All zu werden? Wo mag sich ein Weg finden, der die eine zur anderen führt? Denn in der Wirklichkeit kennen wir sie nur als verbundene. Und hier erkennen wir zuerst deutlich, was mit dieser Umkehrung des Denkens gemeint, was mit ihr geschehen ist: Wir können die Verbindung zwischen Welt, Mensch und Gott durch das Denken nicht gewinnen; denn wir können sie weder auseinander ableiten noch durch eine täuschende Dialektik ineinander umschlagen lassen. Aber wir brauchen diese Verbindung auch gar nicht denkend zu stiften; denn sie ist da. Der Weg Gottes, des Menschen, der Welt zu- 546