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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 545

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
Franz Rosenzweig
Date
1930-02-01
Page
545 (sequence 5)
Language
German
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Franz Rosenzweig Und von dem Schauder dieses Blickes in den Abgrund sich zurückwendend stellt er nun die Frage: Was ist denn mit dieser ungeheuren Tat Hegels, die die gesamte abendländische Philosophie in sich zusammenfaßt und vollendet, für den Menschen geleistet? Ist er in ihr zur Ruhe gekommen? Hat er gefunden, was er suchte? Ist er wirklich am Ende seiner Fragen? Aber die Philosophie hatte nach Hegel nicht geschwiegen; zwischen ihm und der Frage Rosenzweigs stand bereits eine Reihe von Denkern, die — eben weil sie durch ihn nicht am Ende ihrer Fragen waren — mit der Macht ihres ganz persönlichen Fragens an dem gewaltigen Bau des Hegeischen Systems gerüttelt hatten — lauter einsame Denker, subjektive Frager, deren ganz persönliches Problem in das eine denkbare All des großen Systems nicht aufgenommen war. Aber erst Rosenzweig faßt nun ihrer aller Protest gegen die Philosophie des voraussetzungslosen abstrakten Denkens zusammen, indem er auf das eine Phänomen hinweist, das die ganze Philosophie von ParmenideS bis Hegel in das denkbare All einzubeziehen vergessen hatte und das er nun inmitten der Wirklichkeit des Krieges als das Kern- und Urproblem aller Philosophie erkannte, von dem alles menschliche Fragen und Denken überhaupt ausgeht: den Tod. — Und zwar den Tod nicht als eine allgemeine Wahrheit, sondern als die ganz persönliche Erfahrung: als den Tod jedes einzelnen menschlichen Daseins: den Tod, der nur von dem Einzelnen erlitten, nur persönlich gestorben werden kann. Gerade diese.Wirklichkeit des Todes: meinen Tod, den selbst zu sterbenden Tod jedes einzelnen Menschen hatte die Philosophie in ihrem einen denkbaren All übersprungen und geleugnet Sie hatte deu Schrei der Todesangst der Kreatur überhört und übertönt Und damit hatte sie das ganz persönliche Dasein des einzelnen Menschen überhaupt überhört Und diese eine überhörte Frage — die menschliche Frage schlechthin — ist es, die nun den ganzen uralten Riesenbau der Philosophie sprengt Denn damit, daß die Frage aller Philosophie vom Tod als unserer Wirklichkeit ausgeht, zeigt sich plötzlich: es geht der Philosophie, sofern sie die Frage eines ganzen lebendigen Menschen, d.h. eines vergänglichen sterblichen Menschen ist, gar nicht um die Frage: Was ist das All? Das „Was ist?" ist überhaupt gar nicht der Ansatz ihrer Frage. Diese Frage ist die des abstrakten Geistes, der sich von der vollen Lebenswirklichkeit des Menschen losgerissen hat Die Frage, die aus der todberührten, todgeschaffenen Wirklichkeit des Menschen stammt, lautet ganz anders: sie lautet: Wo ist eine Wahrheit, die mich erlösen kann? 545

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