Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 543 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig Veröffentlichung war ein frühgemachter handschriftlicher Fund: „Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus": die mit für ihn charakteristischer philosophischer Sicherheit erkannte, mit für ihn nicht minder charakteristischer philologischer Feinheit und Gründlichkeit durchgeführte Entdeckung eines Hegeischen Manuskriptes als Abschrift des frühesten Schellingschen Systemprogramms. Dieser Veröffentlichung folgte das 1909 begonnene, 1914 vollendete, aber erst zehn Jahre später, nach dem Krieg erschienene große Werk „Hegel und der Staat". Schon dies Buch zeigt die fast bestürzende, nur durch die straffste Konzentration und Gliederung zu bändigende und wirklich gebändigte Überfülle an Gehalten, die seinen Werken eigentümlich ist und die den Eindruck erweckt, als hätte die Kürze der ihm vom Leben gewährten Arbeitszeit von Anfang an rückwirkend den Rhythmus seines Schaffens geprägt Atemlos läuft der Leser an diesem Überreichtum von Tatsachen und Gedanken entlang, in dem doch auch wieder jedes Wort so sehr das andere bedingt, daß keine Seite, kein Satz, kein Wort übersprungen werden kann. Denn nichts ist schon in diesem rein wissenschaftlichen Buch einfaches Wissen, alles ist Deutung und Gestaltung. Das gesamte Hegeische System ist diesem Buch ebenso Voraussetzung, wie es auf der anderen Seite das persönliche Leben Hegels ist: aus beiden zusammen wird sein Verhältnis zum Staat in seinen' geschichtlichen Wandlungen, in seiner Bedeutsamkeit und Fortwirkung entwickelt. Und zugleich zeigt sich darin die große Bedeutung, die der Staat und der Staatsgedanke damals für Rosenzweigs eigenes Leben besaß. Er ist hier schon so vollkommen Herr seines Stoffes, daß die Ablösung bereits vollzogen zu sein scheint Aber was dieses Werk von seinem nächsten radikal anderen trennt, ist keine bloße Ablösung. Es liegt zwischen diesen beiden Büchern ein Einschnitt von gar nicht abzumessender Tiefe, ein Durchbruch, ein Umbruch seines gesamten Lebens. Die beiden Welten, in denen er wurzelte, prallten in jenem Augenblick in ihm aufeinander und erzwangen eine Entscheidung. Dies Ereignis liegt schon vor dem Kriege, zwischen den Jahren 1912 und 1918; es liegt auch vor seinem Bekanntwerden mit den beiden bedeutenden jüdischen Persönlichkeiten, die nicht lange darauf von verschiedenen Seiten her einen tief bestimmenden Einfluß auf ihn gewannen: Hermann Cohen und N. A. Nobel. — Wir wissen von diesem Erlebnis einer äußersten Entscheidung nichts als ihren Ausgang; wir wissen, daß in diesem Auseinanderbrechen seines bisherigen Lebens wie bei jedem schöpferischen Menschen eine neue Gestalt seines Lebens sich konstituierte: daß in 543