Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1930)
- Article
- Franz Rosenzweig
- Date
- 1930-02-01
- Page
- 542 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Margarete Susman Stern, dessen Gestalt sich klar und groß am Nachthimmel abzeichnete, es war eine Flamme, die vieles Leben in sich hin einriß und verwandelte, und eis war ein stilles, gütiges häusliches Feuer. All dies war es, weil es nicht nur ein großes Leben war — sondern weil es bis zuletzt ein volles überreiches Menschenleben war. Alles und jedes, vom Größten bis zum Kleinsten, vom Nächsten bis zum Fernsten, vom Erhabensten bis zum Vertrautesten: alle gar nicht mehr zu fassenden Gegensätze dieses Lebens; seine Leidenschaft für die Sprache, sein strömender Sprachreichtum selbst — und sein jahrelanges Verstummtsein; die grausame Krankheit seines Körpers und die unerschöpfliche Gesundheit seines Geistes; die herbe Sachlichkeit unermüdlicher Arbeit und die stete Bereitschaft für jeden einzelnen Menschen; der strenge Ernst seines Lebens und Denkens und sein heller, scharfgeschliffener Humor; die Souveränität, mit der er das Leben beherrschte, und die Tiefe, mit der er es überwand; sein Lebenwollen und sein Sterbenkönnen — und zuletzt noch die starre Reglosigkeit seines Antlitzes und sein überwältigendes^ alles in Leben wandelndes Lächeln — all das gehört zu dem Bilde dieses einzigen Menschenlebens. Franz Rosenzweig ist am 2 5. Dezember 1886 in Kassel geboren. Als Sohn zweier in verschiedener Richtung begabter Eltern wuchs er in einem geistigbelebten, der jüdischen Tradition fernstehenden Hause auf. Von seiner Kindheit weiß ich nur aus den Erzählungen seiner Mutter und durch ein Bild des etwa elfjährigen Knaben. Beide sagen dasselbe. Das Bild zeigt ein eigentümlich schönes, tief und fast trotzig in sich geschlossenes und zugleich inbrünstig aufgetanes Bandergesicht, von leuchtenden, betenden Augen überstrahlt. Man ahnt darin den ganzen Reichtum, die Erfülltheit seiner Frühzeit. In früher Jugend schon gewann er Freunde, die mit ihm gemeinsam dachten und mit denen er sein Leben lang eng verbunden blieb: Rudolf, und Hans Ehrenberg, Eugen Rosenstock, — auch Victor von Weizsäcker: den Kreis, der für sein Leben und Denken entscheidend wurde und es, trotz Rosenzweigs besonderer Stellung in ihm, blieb. Daß er erst Medizin, dann neuerei Geschichte studierte, bevor er sich endgültig der Philosophie zuwandte, das half den Grund konkreten Wissens legen, auf dem sein Denken immer ruhte. Früh schon hatte Rosenzweig das Wissen ganzer Welten in sich aufgenommen. Für sein philosophisches Denken wurde zunächst die große Tradition des deutschen Idealismus, wie er die gesamte europäische Philosophie in sich zur Vollendung und zum Abschluß führt, entscheidend. Seine erste 542