Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Juden und Araber in Palästina
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 487 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Alfred Wiener: Juden und Araber in Palästina ... In allen übrigen Lebensgebieten sind die Beziehungen der Araber untereinander sehr lose, nur nicht in diesem Punkte! Die Konsequenz für uns lautet: Wenn wir nicht zu einer Sammlung und zu einem Aufgebot aller Kräfte in der ganzen moslemischen Welt Anlaß geben wollen, wenn wir ihre Einigung um die radikalen Extremisten vermeiden wollen, dann dürfen wir diese ganze Angelegenheit nur mit äußerster Vorsicht berühren. Millionen von Mohammedanern stehen bereit, um sich religiös um den kleinen Kern antizionistischer Araber zu scharen und ihnen ein gefügiges Werkzeug zur Errichtung ihrer politischen Pläne zu sein . . ." „. . . Inzwischen sind auch wir etwas zurückgewichen, haben unsere Versammlungen und Aktionen unterbrochen und sind, nachdem selbst der 2. November (der Tag der Balfourdeklaralion) friedlich verlief, zu unserm ruhigen Leben zurückgekehrt. Es ist töricht und niederträchtig zugleich, zu behaupten, daß ,die Furcht der nationalen Institutionen die Bewegung erstickt' habe .. . Daran ist kein Wort wahr. Alles, was von unserer Seite geschehen konnte, ist geschehen und noch einen Schritt weiter zu gehen, hätte sicher Blutvergießen bedeutet. Wir sind gezwungen gewesen, zurückzuweichen, und es hat uns naturgemäß eine Schwächung unserer Position eingetragen . . ." „. . . Werden wir endlich aus diesen Vorgängen eine Lehre ziehen? . . . Werden wir nicht einsehen, daß es unter unseren kolonisatorischen und politischen Fragen eine gibt, die» nicht auf der Straße gelöst werden kann, nicht durch Versammlungen und öffentliche Demonstrationen? . . . Unsere Aufgabe ist heute vor allem eine ruhige Atmosphäre in der Klagemauerfrage zu erstreben. Monate, ja vielleicht Jahre werden vergehen, bis man di-i Ereignisse des letzten Herbstes und der letzten Tage vergessen wird. Der Status quo, der mit aller Schärfe gewahrt werden muß, muß auf lange Zeit hinaus maßgebend sein . . ." Aber trotz dieser Warnungen, trotz der Bemühungen der Exekutive, Demonstrationen zu verhindern — der Chauvinismus läßt sich hier so wenig bändigen wie anderswo. Gewiß wollte keiner der Demonstranten, wollte kein Mitarbeiter des Doar Hajom diese grausigen Schrecknisse heraufbeschwören. Gewiß ist keiner im eigentlichen Sinne schuldig, gewiß gebot ihnen ihre Auffassung vom Jüdisch-Nationalen so zu handeln, wie sie es taten, — aber sie mußten sehen, welche Hochspannung über dem mohammedanischen Palästina wegen der Klagemauer lagerte, wie genau die Araber jeden Zeitungsaufsatz, jede Demonstrationsrede verzeichneten, wie manche ihrer Zeitungen eine bedrohliche Sprache redeten, wie trotz feierlichen Protestes der Zionistischen Exekutive überall falsche Gerüchte in Umlauf gebracht wurden. Es war die typische politische Atmosphäre, in der ein vom Dache herunterrollender Stein als fallende Bombe gehört und beeidet wird, wo harmlose Spazierstöcke für geladene Gewehre gehalten werden, wo auf irgendein tolles Gerede hin die Dolche gezückt und die Revolver abgefeuert werden. In einer solchen Atmosphäre muß die Parole lauten: Vorsicht! dreimal Vorsicht bei jeder Handlung, bei jedem Wort! Über das Vorhandensein einer solchen gefährlichen Spannung und auch über ihre inneren Gründe waren sich einsichtige Zionisten klar. Robert Weltsch schreibt darüber in der Jüdischen Rundschau (Nr. 69, 3. Sept. 1929, S. 431: „Jüdische Solidarität'*): 486