Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 473

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Die Heilige Johanna und Israel
Date
1929-12-01
Page
473 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895489-2900156--03930-2900235
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Die Heilige Johanna und Israel Unreinste unter ihnen war, so gehorchte er, indem er Jude blieb, einer Stimme, die ihm, wie Moses, wie Johanna, eine Sendung auftrug. Wie Johanna stand er schwach und einsam in einer ringsum feindlichen Welt, im Besitz einer- Wahrheit, die er verkünden sollte. Wie Johanna kam ihm diese Wahrheit von Gott. Er fühlte wie Johanna, daß sich zwischen ihn und diese Wahrheit keine menschliche Größe, sei sie noch so heilig, drängen könne. Und dieser Wahrheit blieb er treu, wie Johanna, und ich bin der Erbe dieser Treue. Weiche Lehre überlieferten mir diese unbekannten Juden! Und mit welchem Beispiel vertieft jene ruhmreiche Christin sie noch! Hier ist nun ihr Scheiterhaufen; und hinter diesem Scheiterhaufen sehe ich tausend andere. Hätte Johanna nach den Juden gefragt, als sie in Blois einzog, so hätte man ihr vielleicht die Geschichte jener Juden der Stadt erzählt, zu denen ein Mönch gesagt hat: „Werdet wie wir! Ihr werdet leben und nicht sterben." Aber, berichtet der alte Chronist, sie willigten nicht ein, ihren Gott zu verleugnen. Man peitschte sie aus, man folterte sie, um zu sehen, ob man es dahin brächte, sie von ihrem Gotte loszureißen; sie weigerten sich und sprachen . zueinander: „Laßt uns tapfer sein für unsern Gott! «Denn wir sind sein Volk, die Herd.? seiner Weide.» Was Gott wohlgefalle, geschehe — es gibt keinen andern Gott." — Da ergriffen die Henkersknechte Rabbi Jechiel, den Sohn Rabbi Davids, und Rabbi Jekutiel, den Sohn Rabbi Jehudas, ebenso Rabbi Jehada, den Sohn Rabbi Ahrons. Sie banden sie mit Stricken und zündeten das Holz an. Inmitten der Flammen sangen die Juden das Lied: „Uns liegt es ob, zu rühmen den Herrn des Alls." Und die Christen riefen den Juden zu: „Wir hören euern Lobgesang — aber wir verstehen ihn nicht" In Orleans, in Troyes, in Reims, in Rouen hätte Johanna ähnliche Erzählungen hören können. An allen Enden der Erde, wo Israel vorüberzog, .kann man dasselbe hören. Das ist doch eine uralte Geschichte, wird man mir sagen. Und wenn sie es auch wäre? Kann ich es ändern, daß sie für mich ebenso jung ist, wie die von Jeanne d'Arc, und daß ein gemeinsames Band beide in meinem tiefsten Empfinden miteinander verknüpft? 473

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.