Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Die Heilige Johanna und Israel
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 472 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Edmond Fleg können: Der gute König von Frankreich hatte sie alle verbannt Hätte einer! jener „treulosen Hebräer" sich in irgendeinem. Winkel verborgen, wäre er von Johanna in ihrer frommen Einfalt nicht aus dem Königreich vertrieben worden, selbst bevor sie die Engländer daraus verjagt hätte? Was kann sie uns also sein, die wir ihr nichts waren? Aber Jahrhunderte sind vergangen; Frankreich hat Juden aufgenommen, die ihm bewiesen haben, daß sie seine Kinder sind. Ich denke manchmal an den Unbekannten Soldaten, der unter dem Are de Triomphe ruht: Jener französische Soldat war vielleicht ein jüdischer Soldat Und ich stelle mir vor, daß sie wiederkommen, alle französisch-jüdischen Soldaten des großen Krieges, jene, die noch leben, und jene, die nicht mehr sind. Sie marschieren einer nach dem andern an dem goldenen bannergeschmückten Denkmal vorbei. Im Vorübergehen flüstern sie der Heiligen zu: „Johanna, unsere Schwester, wir waren Dir nichts. Aber uns bist Du viel: Indem wir Dein Vaterland ins Herz geschlossen haben, haben wir Dich mit eingeschlossen, und Du hast uns gelehrt, wie wir ihm dienen müssen. Deshalb ist es süß für uns, Deine Geschichte zu hören, Deinen großen Ritten zu folgen, zu sehen, wie Du vor jedem großen Kampf den Frieden anbietest, wie Du kämpfst, ohne daß Du selbst einen Tropfen Blut vergießest, zu sehen, wie Du in Orleans als Befreierin einziehst und die Krone auf die Stirn Deines Königs setzest Ganz von weitem, ganz demütig haben wir es Dir gleich getan: Auch wir sind dem Feind in Deinem schönen Königreich begegnet, und dieses Frankreich, das Du nicht für uns errettetest — wir waren unter jenen, die es für Dich erretteten. Du gehörst uns also doch ein wenig an, wie wir auch Dir angehören, Heilige Johanna." Aber so stark mich die Heldentaten der heroischen Jungfrau auch rühren — nicht als Kriegerin rührt sie mich am stärksten. Ruf und Stimmen! Welche Erinnerungen wecken sie in mir. Auch Moses war Hirte, auch er hörte diesen Ruf. Auch er mußte die Herde, die Stille verlassen, mußte weit wegziehen, ein Volk befreien, zu einem König reden. Die gleiche Angst, die Johanna zuerst befiel, sie befiel auch ihn; und dennoch machte er sich auf, wie auch sie sich aufmachte. Und alle unsere Propheten taten wie Moses, und im Laufe der Jahrhunderte folgten alle Kinder Israel ihren Propheten. Denn so beladen mit Fehlern und Sünden noch der 472