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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 474

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Die Heilige Johanna und Israel
Date
1929-12-01
Page
474 (sequence 4)
Language
German
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Edmond Fleg Ich weiß, daß die Kirche niemals Judenverfolgungen vorschrieb. Oftmals habe ich in unsern Chroniken das Bild bewundert, das die weinenden Juden auf dem Grabe des guten Bischofs, ihres Beschützers, darstellt. Und glücklicher hierin als die Jungfrau von Domremy, die den heiligen Vater nicht anrufen konnte, fanden die Juden stets mächtige Hilfe bei den Päpsten. Aber zwischen der Kirohenlehre und jenen, die sie anwandten, war zu allen Zeiten ein großer Unterschied. Der Prozeß der Jeanne d'Arc ist der Beweis dafür — ein Prozeß, dem kein anderer an Verwerflichkeit gleichkommt, wenn nicht vielleicht jener, der sich in jedem Jahrhundert gegen Israel erneuert! Denn sie ist noch nicht zu Ende, — die alte Geschichte. Ganz in unsrer Nähe geht sie weiter. Gestern erst vollendeten Petljura und Denikin das Werk Torquemadas in gesteigertem Maße. Ich bin gleichberechtigter Bürger in einem bevorzugten Lande. Die Treue zu meinem Glauben, meinem Gott birgt für mich keine Gefahr. Aber kann ich vergessen, daß diese Treue zahllose Märtyrer geschaffen hat? Und diese Märtyrer, auch sie, glaube ich heute aus ihren Gräbern heraufsteigen zu sehen. Erdrosselt oder ertränkt, erhängt oder gekreuzigt, die Glieder von Kartätschen zerrissen oder das Haupt zu Asche, kommen sie wieder. Hintereinander ziehen sie an dem goldnen, bannergeschmückten Denkmal vorbei, und sie sprechen im Vorübergehen zu der Heiligen : „Wir waren nicht alle rein und heilig wie Du, Johanna, unsre Schwester. Aber Israel ist rein, Israel ist heilig. Und jene, die Deine Henker waren, waren auch unsre Henker. Französische Prälaten und Gelehrte der Sorbonne wollten, um die Gunst des englischen Königs zu erkaufen, Deinen Tod. Und damit Du stürbest, waren alle Schmähungen ihnen recht. Du verleugnetest Dein Geschlecht und legtest Männerkleider an. Du hast Dir den Kult angemaßt, sagten sie, der nur Gott gebührt, da Du Dir die Hände küssen ließest Du störtest den Frieden, Du suchtest den Krieg! Du wichest vom Dogma ab und übtest Zauberkünste; Du warst hochmütig, abergläubisch, Du triebst Götzendienst, Du warst eine Abtrünnige, eine Zauberin, eine Wahrsagerin; Du riefst böse Geister an und warst in ihrem Bunde! — Priester und Fürsten, Richter und Skribenten, auch sie brauchten unsern Tod, um die Wut der Narren auf uns zu lenken. Und um uns zu morden, waren auch ihnen alle Verleumdungen recht: Sie sagten, war hätten die Hostien geschändet, die Brunnen vergiftet; wir 474

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