Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 469 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
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Bäuerliche Frömmigkeit nicht verstanden sind. Von hier aus fällt auf Wesen und Bedeutung des Symbols, der Handlung im Bauerntum ein helles Licht. Das Symbol, die Handlung ist die Sprache des Unbewußten, die Sprache des Primitiven, der vom Unbewußten her lebt. Von da her fällt helles Licht auf die Hemmungen und Umbiegungen, die bäuerliches Christentum von den zwei anderen Schichten her erfährt; weil verdrängt, sind sie im Unbewußten um so stärker lebendig. Es ist ein Fundamentalsatz der analytischen Psychologie, daß alles Unbewußte voll höchster Aktivität ist, eine schaffende und umgestaltende Kraft, der an Gewalt das Bewußte nicht gleichkommt Wir müssen uns daran gewöhnen, daß die Triebfedern unseres Denken und Handelns oft in anderen Stockwerken unserer Seele liegen. Wir selbst sind in großen Teilen unseres Wesens nichts anderes als „ein Reis, das aus fremder Wurzel sproßt" (Gustav Meyrink). Kirche und Schule, Volkshochschule und Volksbildung erwachsen dadurch besondere Aufgaben in der Frömmigkeitspflege auf dem Lande. Die Krisis des Landes ist offenbar. Die moderne Kultur ist soziologisch gesehen die Kultur der „Gesellschaft"; sie löst die alte mit dem Volkstum und der Geschichte verwachsene, organisch gewachsene Kultur der „Gemeinschaft" auf. Ohne es zu wollen, wirkt in derselben Richtung die ländliche Volksbildungsarbeit, die Arbeit von Kirche und Schule, weil in Form und Inhalt der Arbeit von der Stadt her, der „Gesellschaft" bestimmt Auch das ist kein Weg dazu, wie heute Volkskunde, Psychologie des Volkes in den Dienst der ländlichen Kulturarbeit gestellt wird. Im Grunde ist das nur ein raffinierter Trick unserer Bildung, um so rascher und tödlicher das Land von der Stadt her zu infizieren. Hinsichtlich der Frömmigkeitspflege auf dem Lande wird es das wesentliche Problem der dorfkirchlichen Arbeit sein, daß es ihr gelingt, die sittenhafte Frömmigkeit des Bauerntums zur persönlichen Frömmigkeit zu erheben, ohne darum dem Geist echter Gemeinschaftskultur auf dem Lande und den Forderungen des modernen Lebens irgendwie Abtrag zu tun. Die Methode der kirchlichen Arbeit in Predigt und Unterricht bis hin zur Vereinsarbeit bedarf von hier aus einer kritischen Prüfung. In aller Kulturarbeit des Landes wird der Wille vorhanden sein müssen, den Geist der ländlichen „Gemein schafts4'kultur mit allen Kräften, die zur Verfügung stehen, von innen her zu beleben, und zwar aus dem Wesen des Dorfes und des Bauerntums selbst, in neuen Formen, die sowohl dem Dorf und seiner Gemeinschaftskultur in Wesen und Grundlagen wie auch dem Leben der modernen 469