Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 468

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Bäuerliche Frömmigkeit
Date
1929-12-01
Page
468 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895483-2895489-2900155--03924-2900230
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gustav Mahr Schichtung, eine verschiedene Lagerung und Wirkungsweise im seelischen Leben selbst. Unsere Seele ist keine Einheit Es ist überraschend, wie friedlich die widerstrebendsten Gedanken und Gefühle in unserer Seele wohnen. So sah ich in einer Arbeiterkolonie das Bild von Lassalle friedlich neben dem des alten Kaiser Wilhelm hängen. Man findet in Schlesien in evangelischen Häusern biblische Wandsprüche und Bilder neben katholischen Heiligenbilder (meist um der bunten Farben willen gekauft). Der schlichte Mensch des Volkes findet darin keinen Widerspruch. Und sind wir Intellektuelle nicht erst recht Menschen des Widerspruchs? Die analytische Psychologie eines Freud, eines C. G. Jung hat mit aller Deutlichkeit diese Schichtung der Seele herausgestellt: Bewußtes und Unbewußtes liegen nebeneinander und untereinander und durchdringen sich. Ja, C. G. Jung unterscheidet im Unbewußten noch einmal zwei Schichten: das persönlich Unbewußte, das durchaus persönliche Inhalte hat, und das kollektiv Unbewußte, das nur allgemein menschheitliche, nicht individuelle, sondern eben kollektive Inhalte aufweist, Reste des ältesten Bestandes, die urtümlichen Bilder, aus denen die Menschheit ihre Religion und Weltanschauung formt. Die Geschichte der Menschheit läßt ihre tiefen Spuren in der Seele zurück. Nichts geht verloren; alles bleibt lebendig. Von der analytischen Psychologie her wird verständlich, wie hinter der offiziellen Frömmigkeit des bäuerlichen Menschen seine agrarische Frömmigkeit und sein Aberglaube wirksam sind als lebendige Mächte. Es wird verständlich, wie selbst die historische Entwicklung: Germanisches, Katholisches, Altlutherisches bis zur Gegenwart unter der Bewußtsemsschwelle wirksam ist als kollektiv Unbewußtes, um Jungs Begriff zu erweitern auf die Entwicklungsstufe im Bereiche des Geschichtlichen, so daß auch von da her, nicht nur von außen her durch Institution und Sitte die Einstellung des bäuerlichen Menschen zu Kirche und Christentum bestimmt wird. Die analytische Psychologie macht auch begreiflich, daß der Aberglaube, die agrarische Frömmigkeit um so stärker einwirken auf die Umgestaltung des bäuerlichen Christentums, je weniger sie von der offiziellen Frömmigkeit anerkannt, je mehr sie vom Bauerntum selbst ins Unbewußte verdrängt werden. Alles, was verdrängt wird, wird in der Verdrängung erst eine Gewalt; ins Bewußte gehoben kann es assimiliert und eingegliedert werden. Das Verdrängte äußert sich dann in dem Zwanghaften, das es hat, in der starken Gefühlsbetonung, die ihm eigen ist, in der Macht der Sitte und des Brauches, die geübt werden, auch wenn sie 468

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.