Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 470 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895489-2900155--03926-2900232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gustav Mahr: Bäuerliche Frömmigkeit „Gesellschaft" entsprechen. Probleme, die noch viel zu wenig gesehen sind, selbst nicht genügend von der Soziologie. Insbesondere wird es gelten, die lebendigen Kräfte bäuerlicher Frömmigkeit zu beleben, anstatt sie nur zu bekämpfen. Wie hat man die katholische Gesetzlichkeit im bäuerlichen Christentum durch die Orthodoxie, die starre Rechtgläubigkeit durch den Pietismus, den Aberglauben durch die Aufklärung, die rationalistische Art bäuerlichen Christentums durch den neuen Konfessionalismus zu bekämpfen gesucht! Man hat dadurch nur die dem Bauerntum eigene Erlebnisschichten ins Unbewußte verdrängt, sie gestärkt und geradezu fixiert (vergL die psychoanalytische Lehre von der Verdrängung). Der analytisch einzig richtige Weg ist, diese formenden Kräfte bäuerlichen Erlebnisses anzuerkennen, sie zu benutzen und auszuwerten für höhere, brauchbarere Ziele und Inhalte der Frömmigkeit Etwa so, daß man dem Irrationalen, dem Geheimnis des Lebendigen und Übersinnlichen sein Recht gibt in Predigt und Unterricht, daß man die agrarische Frömmigkeit in Gottesdienst, Gebet und Frömmigkeitspflege stärker auswertet und sie vertieft, 'wie es der katholische Kultus in seinen Bittprozessionen durch das Feld und in anderem tut und wie es vor allem die Dorfkirchenbewegung in der evangelischen Kirche will. Luther ist in seiner Erklärung des ersten Artikels hier vorbildlich vorangegangen. Ein großartiger Versuch, andere Religionsformen im Christentum aufzunehmen und aufzusaugen, ist die Arbeit der frühmittelalterlichen Kirche, wenn sie germanischen Vorstellungen und Bräuchen christliche Form und Inhalte gab. Die kirchliche und volkserzieherische Arbeit an bäuerlicher Frömmigkeit braucht vertiefte religionsgeschichtliche und psychologische Einsicht in das Wesen und Gesetz bäuerlicher Frömmigkeit, damit sie nicht vollends letzte lebendige Grundlagen ländlicher Frömmigkeit zerstört, sondern diese Kräfte weckt, sie einbezieht in die Frömmigkeit von heute und so dem Leben der Seele auf dem Lande neue Nahrung und Kraft zuführt zur Wiedergeburt des Landes, zur Erneuerung unseres Volkes von den Quellen des Lebens her, wie sie in den Kräften ungebrochenen Volkstums verborgen liegen. Auch wir in der Kultur leben von diesen Kräften des schlichten Volkes. Ja, wir brauchen sie erst recht. Denn unser Leben von heute gleicht dem Acker, dem die Nahrung fehlt, weil auf ihm jahraus jahrein Raubbau getrieben wurde. Das schlichte, einfache Volk aber gleicht in seinen Tiefen dem ungebrochenen' Acker, dem Acker, der lange still gelegen hat und in sich strotzende, schwellende Kräfte des Lebens birgt 470