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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 467

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Bäuerliche Frömmigkeit
Date
1929-12-01
Page
467 (sequence 19)
Language
German
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Bäuerliche Frömmigkeit Weg zu seiner Erfassung als Gnade und Heiligung des Lebens. Es drückt sich darin die Wahrheit aus: Nur vom Gewissen her erscliließt sich das Christentum als Erlösungsreligion. Der Gedanke der Schichtung der bäuerlichen Frömmigkeit, der Zerlegung in verschiedene selbständige Lebenskreise und -stufen, die übereinander gelagert sind, wird manchen nicht sympathisch sein. Wir sind gewohnt, Frömmigkeitsäußerungen flächenhaft zu sehen, statt im Längsschnitt oder im Querschnitt, die Schichten nur als historische Formen, nicht aber als lebendige, wirksame Kräfte zu werten. Man hat wohl bäuerliche Frömmigkeit als Frömmigkeit des Alten Testaments bezeichnet, aber man hat dann doch immer wieder gesehen, daß bäuerliche Frömmigkeit nicht in Bausch und Bogen mit der alttestamentiicheii Frömmigkeit gleichgesetzt und von hier aus verstanden werden kann. Man hat sie darum als Religion des ersten christlichen Glaubensartikels, der den Glauben an „Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde" zum Ausdruck bringt, zu verstehen gesucht; die Höhenlage des zweiten Artikels, in dem der christliche Glaube die Erlösung durch Christum, die Freiheit und Gebundenheit des Christenmenschen in Gott durch Christum, Leben und Seligkeit durch ihn bekennt, werde noch nicht erreicht Das trifft schon eher zu; bäuerliche Frömmigkeit steht noch nicht auf der Höhe der christlichen Deutung des Naturerlebnisses, seine Einbeziehung in den zweiten Artikel. Wie soilte das auch sein, wenn selbst die christliche Dogmatik es nicht leicht hat, alles und jedes im Erlebnis der Schöpfung einzugliedern in das Christuserlebnis und von daher zu deuten? Der Tatbestand ist der: Das Erlebnis der Natur und der Welt im Bauerntum ist ein in sich geschlossener Lebenskreis, befruchtet vom Christentum, in seiner Gesamterscheinung nicht ohne das Christentum, die offizielle Frömmigkeit, die Predigt der Barche möglich, aber in seinen letzten Entstehungsgründen ursprünglich aus dem bäuerlichen Natur- und Külturbild, der agrarischen Kulturstufe, erwachsen. Ähnlich wie etwa bei Leibniz und seiner Schule, bei Schleiermacher, bei der modernen Naturwissenschaft von der Betrachtung der Natur als Universum sich immer wieder starkes religiöses Gefühl und religiöser Gedankengehalt ablöst: unabhängig von kirchlichen Voraussetzungen und doch nicht unbeeinflußt vom Christentum, nur auf seinem Boden möglich, in dieser Autonomie mächtige religiöse WTirkungen in sich tragend bis hin zur Umgestaltung des Christentums von diesem natürlichen Weltbild her. Dieser Schichtung der bäuerlichen Frömmigkeit entspricht eine seelische 467 32*

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