Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 466 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Gustav Mahr ursprünglicher Gewalt aus einem unmittelbaren Einssein mit der Natur das geheimnisvolle Weben der Natur, das Lebendige darin spürt Innere Ergriffenheit, ein Gruseln und Erschrecken kommt über ihn, wo er dem Übersinnlichen gegenübertritt Geht es uns anders, wenn unmittelbar in schöpferischen Stunden, in unmittelbarem Reagieren auf einen Einbruch des Schicksals in unser Leben die Ahnung von dem tremendum über uns kommt? Was im Aberglauben lebendig ist, ist das starke Gefühl, daß das Leben und die Natur, auf das Letzte gesehen, sich nicht berechnen, nicht rationalisiere» läßt Daß es Hintergründe gibt, die für uns nicht faßbar sind. Daß solche Empfindungen und Intuitionen nicht Projektionen des eigenen Willens und Wesens in die Umwelt sind, sondern wirkliche Begegnungen mit dem Ewigen. Die Hintergründe dos Aberglaubens und des Glaubens sind dieselben; Glaube und Aberglaube liegen nahe beieinander. Jener Bauer, der einst zu mir sagte: „Der Aberglaube hört heute auf, aber mit ihm hört auch der Glaube auf , hat richtig beobachtet Es sind lebendige Kräfte, die im Aberglauben wirksam sind. Sie brechen immer wieder durch. Sie sind nicht auszurotten; ja, sie senden ihre Wurzeln bis hinein in den Okkultismus, in die Theosophie. V. In der bäuerlichen Frömmigkeit haben wir den Niederschlag der religionsgeschichtlichen Entwicklung vor uns. Man könnte diese Schichtung vergleichen mit der Schichtung der Erdrinde, an der man die erdgeschichtliche Entwicklung ablesen kann. Der Vergleich trifft nicht ganz zu. Es handelt sich in der bäuerlichen Frömmigkeit nicht wie bei der Erdrinde um Lava, die erstarrt und zu Stein geworden ist, sondern um religiöse Kräfte, die noch lebendig sind. Die Schichten liegen auch nicht übereinander und nebeneinander; sie greifen ineinander und durchdringen sich in wirksamen Zusammenhängen. Das ist das Bedeutsame, uns erst von der analytischen Psychologie her verständlich, daß die alten Religionsformen noch lebendig sind. Animatismus und Animismus, die Gesetzesreligion sind so gut lebendige Kräfte wie die Erlösungsreligion. Wundern wir uns nicht, daß das Christentum nicht erfaßt wird als das, was es ist, sondern erst in seinen Vorstufen angeeignet wird. Es ist, als ob der Mensch die Entwicklungsstufen nicht überspringen könne, sondern erst durch die Stufe der Gesetzesreligion hindurch müsse, um zum Verständnis der Erlösungsreligion zu kommen. Der Weg durch die gesetzliche Auffassung des Christentums bleibt für Volk und Volkstum der psychologische nächste 466