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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 465

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Bäuerliche Frömmigkeit
Date
1929-12-01
Page
465 (sequence 17)
Language
German
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Bäuerliche Frömmigkeit Zaubersprüche in diesen Worten lebendigzu sehen. So viele von heutigen abergläubischen Vorstellungen und Gebräuchen auch auf altheidnischem Boden gewachsen sind, — die Zahl der Vorstellungen und Gebräuche ist nicht gering-, die auf christlichem Boden entstanden. Der Glaube an die magische Kraft des Taufwassers, des Abendmahls bei der Krankenkommunion, des in der Freitagnacht oder am Ostermorgen geschöpften Bachwassers, der Brauch, daß man Holz sägt und im Haus scheuert während der Taufe, damit das Kind recht fleißig werde, oder das Gesangbuch liest, damit es fromm werde und anderes mehr, weist auf die christliche Zeit. " Doch die Geschichte, die Vergangenheit erklärt noch nicht allein die Macht des Aberglaubens in der Frömmigkeit, besonders in der bäuerlichen Frömmigkeit. Es handelt sich um tiefere psychologische, ja metaphysische Hintergründe. Aberglaube verrät überall das Denken und weltanschauliche Fühlen des Primitiven, der im Winter mit seinen langen Nächten, in Tod und Krankheit, im engsten Zusammenleben mit der Natur die Lebensäußerungen von dämonischen Mächten spürt. Der Primitive denkt sinnlich und konkret, realistisch und nicht spiritualistisch wie der Intellektulle. Alle innere Empfindung setzt er um in Gegenständlichkeit Wenn er die Beziehungen zu Dingen und Menschen und zwischen denselben sich vergegenwärtigt, denkt er und stellt er sich alles vor nach dem Prinzip der Analogiei, nicht der Kausalität Er macht noch keinen Unterschied zwischen gearteten Lebensphären, erst recht nicht zwischen Schein und Wirklichkeit, Traum und Leben; er ist darin wie das Kind, wie der Dichter, die mit dem Herzen und der Phantasie schauen und sinnenfällig ausdrücken, was wir in nüchternen Begriffen, in rationaler Erklärung, in sachlicher Sinndeutung zu erfassen suchen. Gerade dieses primitive Denken ist charakteristisch für den bäuerlichen Menschen, für das Volksdenken überhaupt Es weist uns deutlich hin auf den soziologischen und psychologischen Standort der Bauernseele: eine Bestätigung für das, was wir immer wieder hervorgehoben haben, daß bäuerliches Leben sich auf einer anderen Ebene bewegt als unser Leben. Wenn ein Imker im Niedersächsischen im traulichen Gespräch erzählt, daß er in der Neujahrsnacht jedesmal dreimal über seine Bienenschauer schieße und seinen Immen das Neujahr wünsche, wenn ein anderer erzählt, daß er heiligen Abend zu seinen Bienenstöcken gehe und höre, wie seine Bienen summten: „Ehre sei Gott in der Höhe", dann schauen wir in eine andere Welt als unsere Welt Es ist der primitive Mensch darin offenbar, der mit 32 465

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