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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 464

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Bäuerliche Frömmigkeit
Date
1929-12-01
Page
464 (sequence 16)
Language
German
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Gustav Mahr Schriften. Man weiß zu erzählen, wie böse Geister ihr Wesen treiben. Man weiß von Menschen mit „bösem Blick", die das Vieh verhexen und den Menschen schaden. Man geht um Mitternacht nicht auf den Friedhof, nicht durch Hohlwege und an Kreuzwegen vorbei. Wo der Katholizismus hereinspielt in rein evangelisches Gebiet (in Oberfranken, im Badischen, Schlesischen, Fichtelgebirge), da macht selbst massiver Hexenglaube, Gespensterglaube auch dem evangelischen Volke zu schaffen; man weiht ja im Katholischen die Ställe und das Vieh, um sie vor bösen Geistern zu schützen. Überall stillt man Blutungen durch allerlei Stillsprüche im Namen des dreieinigen Gottes. Man schützt das kleine Kind vor Dämonen, indem man ihm, wenn es allein gelassen wird, ein Gesangbuch unter den Kopf legt Besonders beim Taufgang lauern die Dämonen. Sogar beim Kirchgang der Brautleute; darum die Burschen schießen und das Brautpaar nicht auf demselben Weg ins Hochzeitshaus zurückkehrt. Man glaubt an das „zweite Gesicht". Es steht ein Todesfall bevor, wenn man von großen Wassern und Särgen träumt Klappt beim Trauergeläute ein Schlag nach, schlägt die Turmuhr während des Läutens, haben die Bohnen ein weißes Blatt, so stirbt bald jemand im Haus. Wir erinnern an die Himmelsbriefe, die nicht nur 1870/71, sondern auch im Weltkrieg eine große Rolle spielten. Unleugbar ist der Aberglaube eine Macht in unserem Volkstum, eine Gewalt über die Seele unseres Volkes. Trotz der modernen Aufklärung, trotz der neuen Schulbildung, trotzdem die Kirche in einem zähen Kampf mit dem Aberglauben steht (man denke an die Kirche der Aufklärung), ist seine Macht noch nicht gebrochen. Der Aberglaube ist Erbe aus der Vergangenheit: ein Stück primitiver Religion, aus dem Animismus, ja selbst aus dem Animatismus stammend. Ist für den Animatismus die Allbelebung charakteristisch, nämlich dies, daß der Primitive, ohne daß von einer bestimmten Personifikation und Beseelung im eigentlichen Sinne die Rede wäre, die ganze Umwelt, die organische wie die anorganische, als lebendig betrachtet wird, so ist für den Animismus die Vorstellung charakteristisch, daß ausgehend von der Traumseele, von dem Totengeist, die Körper, die ganze Natur als von Geistern bewohnt gedacht werden. (N. Soederbloem, W. Wundt) Im Aberglauben unseres Volkes ist die germanische Religion, ihre Beseelung der Natur, die Fülle ihrer Geister, ihr Totenkult, ihre Tagwählerei noch heute lebendig. Man braucht in den heutigen Zaubersprüchen des Bauerntums für Petrus und Maria, für Christus nur Tor und Freya und andere Namen e,inzusetzen, um die alten germanischien 464

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