Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 463 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Bäuerliche Frömmigkeit wissermaßen im Vorübergehen, überraschend auf verborgene Tiefen der bäuerlichen Seele und spürt seltsame Kräfte lebendig, von denen man sonst nichts merki. Man hört oft genug: die Macht des Aberglaubens auf dem Dorfe ist gebrochen. „Es ist nicht mehr so in unserem Landvolk, daß die abergläubigsten Leute auch die kirchlichsten sind, sondern eher umgekehrt, der kirchliche Glaube muß die Reste des Aberglaubens tragen." Man sträubt sich selbst gegen den Gedanken, daß der Aberglaube noch irgendwie eine Macht in der bäuerlichen Seele sei. Uns ist der Aberglaube ein Kulturkuriosum; und doch, wie leicht nistet in irgendeiner Ecke unserer Seele der Aberglaube sich ein! Täuschen wir uns nicht! Es gibt Dörfer, wo äußerlich nichts mehr von Aberglaube zu spüren ist, wo man spottet darüber und sich aufgeklärt fühlt Und man kann es dann erleben, daß gerade dieselben, die spotteten, die ersten sind, die sich abergläubischer Mittel in der Stunde der Not bedienen und sich dann entschuldigen: „Batt's nichts, so schadt's nichts". Das Volk empfindet im abergläubischen Brauch keinen Widerspruch zur rechten lebendigen Frömmigkeit des Christentums. Ein solcher Spruch ist ihm ein frommer guter Spruch, weil darin der Name des dreieinigen Gottes gebraucht wird. Man ist immer wieder von neuem überrascht, wieviel Aberglaube im Dorfe lebt, in dem einen Dorf mehr- und in dem anderen weniger, das alles landschaftsweise verschieden. Nicht nur als Überlieferung, die im Grunde überwunden ist, sondern als eine seelische Macht, die in jedem Augenblick wieder lebendig werden kann. Man hört von Träumen und Gesichten, von Engel- und Christuserscheinungen; die Leute berichten von „Stimmen", die sie hören. Man hört von „Sehern", die kommendes Unglück voraussagen, von Leuten, die Menschen und Vieh, wenn sie krank sind, „besprechen" können. Man hört davon, wie beim Tode eines Angehörigen die Fenster geöffnet, der Spiegel verhängt wird im Totenzimmer. Man hört von Tagwählerei. Am Montag treten Dienstboten nicht ihre Stellung an. Sympathetische Kuren sollen am Freitag am besten gelingen. Bohnen, in der Himmelfahrtswoche gelegt, bekommen kein Herzblatt. Besonders die kirchlichen Feiertage sind mit abergläubischen Vorstellungen besetzt. Um dreierlei handelt es sich in diesem Aberglauben: um die Vorstellung übernatürlicher Mächte (Kobolde und Drachen, Teufel und Hexen; der wilde Jäger), um die Vorstellung von Zauberpraktiken zur Abwehr von Unheil und Bringung von Heil (meist in der Form der Volksmedizin), um Kündung und Erforschung der Zukunft Das alles erscheint, gebunden an besondere Zeiten und Orte, an besondere Vor- 463