Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Bäuerliche Frömmigkeit
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 462 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895489-2900155--03918-2900224- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gustav Mahr über der Mannigfaltigkeit des konkreten wirklichen Lebens. Es gibt gesetzliches bäuerliches Christentum, aber es gibt wiederum lebendiges, innerlich persönlich geartetes bäuerliches Christentum von einer Zartheit, Tiefe und Kraft, die beschämt und beugt Es ist so, daß man bei derartiger Zeichnung immer nur von uns her, von unserem Standpunkt aus schaut und abbildet, daß man das zeichnet, Avas uns auffällt, was von uns aus gesehen charakteristisch ist Die Zeichnung bleibt einseitig; sie wird der vollen Wirklichkeit nicht gerecht Bäuerliche Frömmigkeit in dieser Reinkultur, in dieser typischen Art gibt es in der Wirklichkeit kaum. Alle Abstufungen sind vertreten. Es muß uns genügen, die großen, groben Linien zu zeichnen, die gestaltenden Kräfte in, der bäuerlichen Frömmigkeit, im bäuerlichen Christentum deutlich zu machen. Mancher von uns, der in seiner Arbeit am bäuerlichen Christentum verzagte, war doch überrascht, besonders an Kranken- und Sterbebetten zu sehen, wie tief christliches Glauben und Denken eindringt in die Bauernseele. Wie die bäuerliche Seele doch immer weder lebt von den tiefen und vollen Tönen der großen Kreuz- und Trostlieder des evangelischen Gesangbuchs. Wie vor allem der Katechismus Frömmigkeit bildend und umbildend wirkt, wie das erdenschwere, volkstumhafte, bäuerliche Christentum leuchtende Farben persönlich gearteten Christentums aufweisen kann. Wie es Menschen erzeugt, die mit beiden Füßen fest auf der Erde stehen und doch von einer Ewigkeit, von einer Zartheit des Herzens und Gewissens sein können, die groß vor uns dasteht. Und das nicht nur da, wo der Pietismus wirkt, mag es Hermannsburger oder württemberger Pietismus sein oder reformierter Pietismus wie im Niedersächsischen und am Niederrhein. IV. Man kann lange auf dem Dorfe leben und merkt nicht, daß bäuerliche Frömmigkeit noch aus anderen Bezirken des Lebens lebt als aus Natur und Geschichte. Wir stoßen bei Erforschung der bäuerlichen Seele plötzlich auf die dunklen Abgründe des Aberglaubens. Die Oberfläche des bäuerlichen Lebens verrät nichts davon. Nur gelegentlich bricht das alles aus der Tiefe empor, wie eine vulkanische Eruption aus dem Erdinnern die Steinmassen emporhebt. Die Bauernseele ist dem Meer zu vergleichen. Die Oberfläche des Meeres glitzert und glänzt in den Strahlen der Morgensonne; sie ist belebt von allerlei uns bekanntem Getier. Man ahnt nicht, daß auch die Tiefen des Meeres Leben bergen, seltsames, verborgenes Leben. Erst die Tiefseeforschung hat davon Kunde gebracht So stößt man auch gelegentlich, ge- 462