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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 461

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
Bäuerliche Frömmigkeit
Date
1929-12-01
Page
461 (sequence 13)
Language
German
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Bäuerliche Frömmigkeit Pharisäismus" sagt man nicht allzuviel. Wer den bäuerlichen Menschen kennt, weiß, wie spontan, überwältigend auch in ihm immer wieder das Bewußtsein durchbricht, daß wir alle auf die Gnade Gottes angewiesen sind; arme Menschenkinder, schwach als Kreatur, arm auch in unserer Eigengerechtigkeit Kein Wunder, daß von solchen Grundlagen her das bäuerliche Christentum anders aussieht als das der Theologie und Kirche, daß auf der Kanzel sich die Theologien ändern, aber unter der Kanzel die Frömmigkeit der Gemeinde dieselbe bleibt Das entscheidende Erlebnis Luthers: das Erlebnis der Person Jesu Christi fehlt dem bäuerlichen Christentum. Es fehlt die Voraussetzimg zu ihrem Verständnis. Denn es fehlt die Frage nach der Persönlichkeit Erst, wo der Bruch der Gemeinschaft, in der der einzelne steht, erfolgt, wo der einzelne sich loslöst als solcher (Paulus, Renaissance, Luther), wird diese Frage lebendig. Der soziologische Ort des Bauerntums ist die an Volkstum und Ort gebundene Lebensform der gewachsenen „Gemeinschaft'% noch nicht die der „Gesellschaft", der Summe der einzelnen, die auf sich stehen in ihrer autonomen Sittlichkeit und Erkenntnis. Solange das innere Leben Sitte und sittenhaft bleibt, gebunden in der Form der Gesetzlichkeit, solange der einzelne als Teil des Ganzen lebt, solange die Existenz einer rein persönliche Überzeugung geradezu das Ärgernis in der Gemeinde ist, wie es noch heute im Bauerntum der Fall ist, wird Christus nicht verstanden werden aus der Tiefe protestantischer Glaubenserfahrung. Christus bleibt das Heiligenbild, der Reine und Sündlose, der Gottes-Sohn, der stellvertretend unsere Sünden zudeckt, fast magisch wirkend in seinem „Blut", der „Herr", welcher der Seele die Beziehung zu Gott verbürgt und sicherstellt Daher Karfreitag und Ostern im bäuerlichen Christentum nicht die Wärme und Leuchtkraft haben wie Weihnachten. Christus steht in der Ferne; groß, heilig, erhaben und feierlich steht er vor dem bäuerlichen Menschen. Wesentlich der leidende Christus wird gesehen und miterlebt: „Christus hat auch gelitten. Warum sollten wir nicht leiden müssen?" Die Persönlichkeit Christi, Christus in seinem Werden und Wollen, in seinem Kämpfen und Lieben, in seinem heiligen Opfer der Persönlichkeit bleibt fremd. Das Christüsleben, das Christentum bleibt auf weiten Strecken eine objektive Größe, mit der man sich abfindet, die man annimmt, ohne daß man die Fähigkeit hat, sich mit ihr innerlich auseinanderzusetzen. Und doch, wenn man so bäuerliches Christentum nach seinen Grundkräften und Grundtendenzen schildert, empfindet man angesichts der Wirklichkeit bäuerlichen Christentums, wie alle Allgemeinurteile versagen gegen- 46t

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